Als die Dreimächte-IG Farben-Kontrollgruppe ihr Werk – die Entflechtung des Farbenkonzerns – betrachtete, war sie offenbar befriedigt von ihrer Arbeit. Das gilt auch für die aus dem Verband der IG herausgelösten und verselbständigten Chemischen Werke Hüls. Die Alliierten bauten in die Satzungen der Hüls Holding, das ist die Chemie-Verwaltungs-Aktiengesellschaft, eine Reihe von Bestimmungen zur Sicherung der Entflechtung ein (z. B. Namensaktien, Verbot ineinander greifender Verwaltungen mit Farbennachfolgern u.a.m.). In den Satzungen wurde bestimmt, daß Satzungsänderungen nur mit einer Mehrheit von Zweidritteln des vorhandenen Grundkapitals erfolgen dürften. Es wurde damit eine Sperrminorität geschaffen, die unter Umständen, je nachdem welches Aktienkapital auf der Hauptversammlung vertreten ist, sehr klein sein kann.

Auf der HV vom 22. Mai, der ersten, auf der die Aktionäre wieder souverän beschließen kennten, genügten 3 bis 4 v. H. des vorhandenen Grundkapitals, um die Sperrminorität wirksam werden zu lassen. Die Opposition befand sich also in einer sehr starken Stellung. Sie gewann einen Einfluß, der das Gewicht ihrer Stimmen bei weitem überstieg. Sie konnte eine Satzungsänderung verhindern, und sie tat dies auch; mehr allerdings vermochte sie nicht. Vor allem konnte sie an den Anträgen der alten Verwaltung, betreffend die Neubesetzung des Aufsichtsrates (der den neuen Vorstand zu berufen hat), nichts ändern. Dafür wäre eine Mehrheit der abgegebenen Stimmen notwendig gewesen, die die Opposition bei weitem nicht erreichte. Im Endergebnis kam. es zur Wahl einer Verwaltung, die haargenau den Vorstellungen der alten Verwaltung entsprach, der aber die Hände durch die Entflechtungsbestimmungen weiterhin gebunden bleiben. Das ist kein erfreuliches Ergebnis.

Nun war die Opposition keineswegs geschlossen. Sie bestand im wesentlichen aus drei Gruppen.

1. Die Schutz Vereinigung für Wertpapierbesitz stellte sich auf den Standpunkt, daß viel sorgfältiger als bisher geprüft werden müsse, ob die Aufrechterhaltung der Hüls Holding, also der Chemie-Verwaltungs-AG, sinnvoll sei. Diese arbeite zwangsläufig mit hohen Kosten, und der Hauptgrund für ihr Bestehen, nämlich die Schaffung eines Gegengewichtes gegen den Einfluß der Kohle auf die Chemischen Werke Hüls, sei nicht mehr überzeugend. Die Schutzvereinigung wünschte hierüber das Gutachten eines neutralen Sachverständigen.

Auf der HV gewann man den Eindruck, daß diese Opposition vermieden worden wäre, wenn vorher Schutzvereinigung und Verwaltung den Fragenkomplex offen durchgesprochen hätten. Das aber war nicht der Fall. Das für die Aktionäre entscheidende Argument für die Aufrechterhaltung der Holding wurde nämlich von der Verwaltung erst auf der HV angeführt. Es handelt sich hierbei um die Feststellung, daß eine Auflösung der Holding eine übermäßige steuerliche Belastung mit sich brächte. Die Schutzvereinigung erklärte, sie hätte wahrscheinlich eine andere Stellung eingenommen, wenn ihr die entsprechenden steuerlichen Erwägungen bekanntgewesen wären.

2. Rechtsanwalt Kordon, Gießen, gelang es, auf der HV so viele Stimmen freier Aktionäre zu erhalten, daß er wahrscheinlich in der Lage gewesen wäre, eine Sperrminorität auszuüben. In seiner Argumentation spielten konkrete Ziele der Geschäftspolitik keine Rolle; sein Streben war vielmehr einzig darauf gerichtet, als Minderheitsaktionär gehört zu werden und entscheidend mitbestimmen zu dürfen. Er wandte sich dabei gegen die Verwaltung, mit der ihn offenbar kein Vertrauensverhältnis verband. Der HV wurde nicht bewußt, daß Gordon sich damit auch gegen eine überzeugende Majorität der Aktionäre wandte und ihr seinen Willen aufzwang.

3. Rechtsanwalt Mathern, Frankfurt, vertrat eine Gruppe, die ein Aktien-Paket der Chemie-Verwaltungs-AG von fast l0 Mill. DM (rd. 12 v.H. des vorhandenen Stammkapitals) in der Hand hat. Dem Vernehmen nach handelt es sich bei dieser Gruppe um den bekannten Holzhändler Krages, Bremen. Er besitzt heute möglicherweise das größte Paket an Hüls-Holding-Aktien. Diese Gruppe hat prima vista ein gewisses Anrecht darauf, Einfluß auf die Verwaltung zu gewinnen. Nun ist Macht allein niemals konstruktiv, es muß ein Vertrauensverhältnis zwischen den handelnden Persönlichkeiten hinzutreten. Hieran fehlt es offenbar, wobei es dahingestellt sein mag, ob dies an der Verwaltung liegt – wie die Opposition meint – oder an der anderen Seite. Jedenfalls liegen die Dinge so, daß die von Mathern vertretene Gruppe konstruktive Lösungen, wie sie der Verwaltung vorschweben, zu verhindern oder mindestens zu erschweren vermochte, daß sie aber andererseits längst nicht stark genug war, um eigene konstruktive Lösungen durchzusetzen. Ob dies den Chemischen Werken Hüls, um deren Schicksal es letzten Endes hier geht, gut tun wird, bleibt abzuwarten.