Von Theo Sommer

Das wäre "die falsche Konferenz zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort und unter den falschen Voraussetzungen" – so klang im vergangenen Sommer der Tenor unzähliger amerikanischer Äußerungen, amtlicher und nichtamtlicher. Damals sah es so aus, als gebe die Libanon-Krise Chruschtschow endlich das Seil in die Hand, an dem er die widerstrebenden westlichen Staatsmänner auf den weltpolitischen Gipfel zerren könne. Den Amerikanern aber stand der Sinn nicht nach einer Gipfelkonferenz – im letzten Jahr noch weniger als heute.

Es waren freilich nicht nur politische Gründe, die Washingtons Haltung bestimmten. In die Erwägungen der US-Politiker spielten Momente hinein, die aus tieferen Schichten stammen als aus denen des rationalen Kalküls. Das Konferenz-Trauma lastete auf den Amerikanern, jene Scheu vor den Treffen auf höchster Ebene, die sie seit 1945 nicht losgeworden sind. Um genau zu sein: seit der Konferenz in Jalta, wo der Alptraum entstand, der sie noch heute quält Gebranntes Kind scheut das Feuer. Auch jetzt, im Jahre 1959, nehmen die Vereinigten Staaten das Gipfelkreuz nur stöhnend auf sich.

Das Stöhnen ist verständlich: Ausdruck der Angst, es könnte sich wiederholen, was damals auf der Krim geschah. Und das Trauma von Jalta gibt in der Tat keinem ein Rätsel auf, der die amtlichen Akten der Krimkonferenz vom Februar 1945 nachliest, die jetzt auch auf deutsch allgemein zugänglich sind –

US-Department of State: "Die Konferenzen von Malta und Jalta – Dokumente vom 17. Juli 1944 bis 3. Juni 1945"; aus dem Amerikanischen von K. G. Werner, G. Ehlen und anderen; Robert Kämmerer Verlag für Politische Bildung, Düsseldorf; 920 S., 42,50 DM.

Der Schlüssel zum Verständnis der Nachkriegsepoche liegt in diesem gewichtigen Band verborgen. Fast tausend Seiten Zeitgeschichte... Man kann vieles aus ihnen herauslesen. Und man kann sich dabei über vieles wundern und über vieles empören.

Wundern: über die Vertrauensseligkeit, die Roosevelt gegenüber Stalin an den Tag legte "Onkel Joe" nannte er ihn), über den hohen Preis, den der amerikanische Präsident und seine Berater für einen baldigen Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen Japan zu zahlen bereit waren (erst im Korea-Krieg wurde klar, wie hoch der Preis war); über die Leichtfertigkeit, die Verständnislosigkeit, die Ignoranz, mit der da neue Grenzen gezogen wurden (in Potsdam erst entdeckten die Briten und Amerikaner, daß Stalin die westliche Neiße meinte, wo sie an die östliche gedacht hatten; und der Begründung Stalins für sein Verlangen nach Königsberg – er brauche einen eisfreien Ostseehafen – wußte keiner die elementare geographische Tatsache entgegenzusetzen, daß ja Libau, Windau und Memel, auf die Rußland bereits seine Hand gelegt hatte, allesamt eisfrei sind).