Bolz, Florin und Winzer: Die Spitzen der Zonen-Delegation in Genf

Von Wolfgang Leonhard

Selten hat mir das Lesen des SED-Zentral-Organs "Neues Deutschland" ein solches Vergnügen bereitet wie in diesen Tagen. Kann ich in diesem Blatt doch täglich über das Wirken der DDR-Delegierten auf der Genfer Konferenz lesen und mich gleichzeitig schmunzelnd an die frühere Bekanntschaft mit den neugebackenen "Staatsmännern" aus der gemeinsam verbrachten Zeit in Moskau erinnern!

Bolz, mein Chef im "Institut No. 99"

Mit dem jetzigen DDR-Außenminister Dr. Lothar Bolz verbrachte ich ein volles Jahr in ein und demselben Zimmer, vom Juli 1943 bis Juli 1944. Wir residierten damals in der Filippowskij Pereulok, einer Nebengasse des Arbatplatzes in Moskau. Offiziell hießen wir "Institut No. 99" – das war der Deckname für das sogenannte "Stadt-Komitee" des National-Komitees Freies Deutschland. Dieses Komitee, das im Juli 1943 in Moskau gegründet worden war, wirkte auf zwei Ebenen. Der offizielle Sitz befand sich in Ljunowo, etwa 35 Kilometer außerhalb Moskaus in einem früheren Erholungsheim der Eisenbahner-Gewerkschaft. Dort hausten die ehemaligen Generäle, Offiziere und Soldaten der deutschen Wehrmacht, dort fanden auch alle offiziellen Sitzungen statt. In unserem Büro hingegen, in der Fillippowskij Pereulok, war das eigentliche politische Zentrum – der Sitz der deutschen Emigranten.

Zehn Zimmer hatte die vierte Etage dieses Hauses. Zwei gehörten der Redaktion der schwarz-weiß-rot umrandeten Wochenzeitung "Freies Deutschland". In dem einen saß Rudolf Herrnstadt als Chefredakteur, derselbe Herrnstadt, der seit Herbst 1953 als Parteifeind gilt; im zweiten die Mitglieder der Redaktion Karl Maron, Alfred Kurella; Lothar Bolz, Ernst Held und ich. Lothar Bolz schrieb damals die Artikel über Deutschland.

Seltsam war, daß ich seinen Namen vorher nie gehört hatte. Während alle anderen in Moskau lebenden Emigranten ständig auf politischen Versammlungen oder Feiern zusammenkamen, während ihre Namen auf den immer wiederkehrenden Aufrufen zu sehen waren, war Lothar Bolz kein Begriff. Auch seine Artikel in unserem Blatt "Freies Deutschland" erschienen ungezeichnet oder unter Pseudonym. Offensichtlich sollte er nicht exponiert werden – heute ist es klar, warum.