R. St. Bonn, Ende Mai

Ein Engländer, ein Mann in amtlicher Stellung, sagte auf die Nachricht vom Verzicht Dr. Adenauers auf das Amt des Bundeskanzlers: "Hierin hat Adenauer mehr Weisheit gezeigt als Churchill. Diesen hat seine Fraktion weggedrängt; Adenauer aber verzichtet aus freien Stücken, bevor ihn die Beschwernisse des Alters dazu zwingen." Der Entschluß muß dem Kanzler schwer geworden sein. Wer gäbe solche Möglichkeit zu politischer Gestaltung, wer gäbe so viel Macht und Einfluß leichten Herzens auf! Ja, es mag sogar mehr Kraft verzehren, einen solchen Entschluß durchzuhalten, als ihn zu fassen. Auch der kleine Mann gibt nicht gern seinen Hof oder sein Geschäft in die Hände eines anderen...

Adenauer glaubte, er werde es mit Etzel als Kanzler zu tun haben, aber es wäre für den Vizekanzler, den doch Adenauer selbst dazu gemacht hatte (wenn auch nicht ohne Druck), einfach unmöglich, sich beiseite schieben zu lassen. Erhard muß sich als der designierte Nachfolger fühlen. Wäre Adenauer im Dienst müde geworden, wäre gar Ärgeres geschehen, es hätte gar keinen Streit darüber gegeben, wer an seine Stelle treten solle. Adenauer hätte den Kampf um seinen Nachfolger, den er jetzt mit so großer Aktivität führt, schon bei der Gründung des dritten Bundeskabinetts führen und siegreich beenden müssen, wenn er Ludwig Erhard für keinen guten Kanzlerkandidaten halten sollte.

Wir wissen nicht, ob dem Bundeskanzler tatsächlich in verärgerter Stimmung ein Wort entschlüpft ist, das draußen so gedeutet wurde, als wollte er – da er Erhard ante portas sah – seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten wieder rückgängig machen. Er selbst weiß am besten, daß dies, wie sich die Dinge inzwischen entwickelt haben, nicht mehr möglich ist. Und er hat seinen Entschluß soeben vor der Fraktion der CDU eindeutig bekräftigt, warum sollte Adenauer auch in seinen hohen Jahren die Ordnung in Gefahr bringen, an deren Aufbau er so bestimmend mitgewirkt hat?

Die Macht des Regierenden besteht darin, daß er Ämter vergeben oder vorenthalten, daß er Wünsche erfüllen oder versagen kann. Von dieser Macht hat der Bundespräsident nur den sehr viel kleineren Teil. Vielleicht haben die Juristen, als man diesmal fragte, die Einflußmöglichkeiten des Bundespräsidenten größer erscheinen lassen, als sie nach dem Verfassungsrecht sind. Vielleicht hat sich der Bundeskanzler, als er noch mit sich rang, von einigen dieser Verfassungsauslegungen täuschen lassen. Kein Gesetz, kein Grundgesetz kann freilich die Ausstrahlungsmöglichkeiten einer starken Persönlichkeit reglementieren. Solchen indirekten Einfluß wird niemand einem Adenauer, einem Manne von so "aggressiver Kraft" (um sein eigenes Wort zu gebrauchen) schmälern können. Diese mittelbare Macht wird jedoch um so wirkungsvoller sein, je vertrauensvoller die Beziehungen zwischen dem zukünftigen Bundespräsidenten Adenauer und dem zukünftigen Bundeskanzler sein werden.

Dr. Adenauer glaubt offensichtlich noch immer, daß er Etzel zu seinem Nachfolger machen könne, wenn er auch vor dem Fraktionsvorstand und vor der Fraktion der CDU/CSU gesagt hat, er habe sich in seinem Innern noch für keinen der beiden Kanzlerkandidaten entschieden. Die Fraktion hat sich offenbar bereits entschieden, auch wenn sie es noch nicht ausgesprochen hat. Alle Zeichen deuten darauf, daß nur Erhard alle ihre Stimmen bekäme.

Gewiß hat der Bundespräsident das Vorschlagsrecht. Aber was soll ein Vorschlag, den das Parlament ablehnen würde? Schließlich würde ja doch der Kandidat der Regierungsmehrheit durchdringen. Ein Erfolg unter solchen Umständen wäre nicht angenehm für den Gewinner und erst recht nicht angenehm für den neuen Bundespräsidenten. Dr. Adenauer hat daher mit Recht betont, es müsse zu einer einvernehmlichen Lösung kommen, und er beziehe sich selbst in eine solche einvernehmliche Regelung ein. Unter den dargelegten Umständen sind der Entscheidungsfreiheit des Bundeskanzlers sehr enge Grenzen gezogen.