An der Hasenheide fischten die Freien Demokraten nach davongeschwommenen Fellen

Von Hans Gresmann

Berlin, im Mai

Daß es ein Parteitag mit viel Schwung gewesen sei, das können wohl nicht einmal jene FDP-Politiker behaupten, die in der letzten Zeit gelernt haben, sich und anderen so mancherlei einzureden. Viele kluge Worte gab’s im Schultheiß-Saalbau an der Hasenheide in Berlin – und wenig Klarheit. Groß war das Bemühen, die zerrissenen Glieder der Partei wieder zu kitten, und die offizielle These lautete sogar: „Heute ist die politische Einheit der FDP kein Ziel mehr, sondern eine Tatsache.“

Nicht nur der Beobachter von draußen, auch mancher nüchterne FDP-Delegierte schüttelte ob solcher Funktionärs-Euphemismen zweifelnd den Kopf. Zwar waren sie alle, die vielen Delegierten, voller Sorge nach Berlin gekommen, und alle waren sich bewußt, daß es gelte, diese Partei, der seit den letzten Bundestagswahlen immer mehr politische Felle davongeschwommen sind, neu zusammenzufügen. Allein, die Einheit der Liberalen war anscheinend doch mehr offizieller Wunsch als sichtbare Wirklichkeit.

Doch was auch geschah im Saal an der Hasenheide, in dem die Tabakswolken, sobald ein Prominenter das Rednerpult betrat, durchstrahlt wurden. von den grellen Scheinwerfern der Wochenschau – was auch geschah, zumeist war es darauf abgestellt, das Parteigesicht zu wahren und die Bedeutung der FDP als einer unersetzlichen politischen Kraft in unserem Staat zu bekunden.

Da wurde zunächst einmal nach einem Arrangement zwischen den beiden stärksten Landesverbänden Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen der streitbare und eigensinnige Remstäler Reinhold Maier noch einmal zum Parteivorsitzenden gewählt. Gleichzeitig aber wurde der Fraktionsvorsitzende Erich Mende, dessen Hausmacht in der Partei sichtlich stärker geworden ist, dem Publikum als der designierte Nachfolger (ab 1960) vorgestellt. Er also wird die Partei gegen einen (oder schon wieder unter einem?) neuen Kanzler in den nächsten Bundestagswahlkampf führen – und damit in die Entscheidung um das Weiterbestehen der Liberalen als parlamentarischer Kraft.