Von Marion Gräfin Dönhoff

Genf, im Mai

Die Konferenz wurde unterbrochen, ehe sie noch recht begann. Denn was sich hier während der letzten Woche abspielte, das kann man wirklich nicht als Konferenz bezeichnen. Konferieren heißt doch besprechen, miteinander reden – in Genf aber liest man sich gegenseitig Briefe vor. Und nicht etwa jeweils heute die Antwort auf die gestern gestellte Frage, nein, jeder verliest die schriftlich formulierten Lobsprüche, mit denen er seine Vorschläge preist: Nur wenn Sie unseren Friedensvertrag... ... nur wenn Sie unseren Stufenplan zur Grundlage nehmen – nur dann sind Entspannung, Friede und Fortschritt gewährleistet.

Die erste Woche der Konferenz verging mit jenen berühmten Diskussionen über die Beschaffung der Tische und Stühle, die zweite und der Beginn der dritten wurde mit Reklamesprüchen verbracht. Verbracht, nicht vertan. Denn das muß man doch anerkennen: Der Westen läßt sich heute nicht mehr wie in früheren Jahren durch die russischen Methoden verblüffen. Auch er hat gelernt, Propagandareden zu halten. Auch er hat Zeit. Er hat einfach gelernt, Zeit zu haben. "Wenn es Gromyko Spaß macht, werden. wir auch in dieser und in der nächsten Woche und in der darauffolgenden das bisherige Vorspiel fortsetzen", sagen die Amerikaner. Und Engländer, Franzosen und Deutsche stimmen ihnen zu.

Eines läßt sich übrigens hier an Ort und Stelle in ungezählten Gesprächen immer wieder feststellen: die Einigkeit zwischen den westlichen Delegationen ist viel größer, als es "von weitem" scheint. Wenn dennoch täglich Spekulationen über abweichende englische Ansichten oder neue amerikanische Vorschläge in den Zeitungen zu lesen sind, so hängt das mit der vollkommen verrückten Atmosphäre zusammen, die entsteht, wenn man 1200 Journalisten tage- und wochenlang an einem Ort zusammenpfercht – Leute schnellen und unsteten Geistes, die gewohnt sind, rasch aufzunehmen, zu spekulieren und zu kombinieren.

Da wird dann jede Andeutung zum Gerücht, werden Einfälle zu Tatsachen, und vordergründige Bemerkungen führen zu hintergründigen Kombinationen. Eine Unterscheidung zwischen Gerücht und Nachricht aber ist kaum mehr möglich, zumal alle unter Zeitdruck arbeiten und in ständigem Wettbewerb miteinander. Wenn unter solchen Umständen die Diplomaten auf der Stelle treten, dann ist es gar nicht zu vermeiden, daß die Journalisten schon aus Nervosität anfangen, ihrerseits Pläne und Vorschläge zu machen – so daß am Ende keiner mehr weiß, wer eigentlich was gesagt hat.

Wenn die Genfer Außenministerkonferenz überhaupt einen Niederschlag haben sollte, so vielleicht wenigstens den, daß diese Form der Monstrediplomatie sich ad absurdum führt. Denn was hier geschieht, das ist nur noch einer Zirkusvorstellung vergleichbar, bei der zwei Riesen miteinander ringen, jeder begleitet von der Anhängerschaft seines Dorfes, die ihn unablässig anfeuert, ja keinen Zentimeter Boden preiszugeben. Bei einer solchen Konferenz aber sollte es sich nicht um eine Kraftprobe handeln, sondern um den Versuch, in langwierigen, geduldig geführten Verhandlungen einen Vergleich zu finden, der für beide Seiten gerade noch akzeptabel ist. Nicht durch die Schaustellung von Preisringern ist das zu erreichen; vielmehr müßte verhandelt werden, wie gegnerische Anwälte verhandeln, die fern der Welt und ihren Auftraggebern mit viel Geduld und Zeit ermitteln, wer wo nachgeben und wo profitieren kann.