Von Hans Gresmann

Charlottenburger Schloß... Draußen legt sich die Dämmerung über den Park, drinnen ertönt auf dem Spinett eine Sonate von Telemann. Nicht alle hören zu, die hier versammelt sind: vierhundert Teilnehmer des 14. Deutschen Soziologentages – geladen von der Stadt Berlin zu diesem festlichen Empfang. Mag sein, daß der Saal, in dem das Spinett steht, wohl doch ein wenig zu klein ist; mag sein auch, daß die Probleme von heute den Rahmen von damals – wie sagt man? – sprengen.

Es sondern sich jedenfalls Grüppchen ab, und während von fern noch die Telemannsche Musik ans Ohr dringt und während sich in den Kristallen der großen Lüster das Licht der Kerzen tausendfältig bricht, kann man in dieser und jener Ecke wohl Worte aufschnappen wie "Wertfreiheit" oder "Expertenfunktion im modernen Gesellschaftsmechanismus" oder "Autoritätsausübung im Großbetrieb". Soziologische Fachsimpeleien im preußischen Schloß ...

Sachlich und ganz dem nüchtern-wissenschaftlichen Gespräch angepaßt wirkte indes die Tagungsstätte in Berlin-Dahlem. Dort im neuen Gebäude der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Berlin war es, daß Professor Helmuth Plessner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, den Kongreß eröffnete. Vierzehnmal sind die Soziologen zusammengekommen, seit vor, genau 50 Jahren ihre Gesellschaft gegründet wurde. Damals – in Berlin – stand an der Wiege des jungen Zusammenschlusses das Dreigestirn großer Wissenschaftler: Max Weber, Georg Simmel und Werner Sombart.

Heute – in Berlin – galt es für Plessner, Rückschau zu halten über das halbe Jahrhundert, und er fand gerade an diesem Ort besonders offene Ohren, als er bekundete, die Soziologie könne nur in einer freien Gesellschaft gedeihen. Die Diktaturen, seien sie rot oder braun, dulden keine soziologische Forschung – die sich ja ihre Fragestellung selber sucht und ihre Ergebnisse in aller Offenheit enthüllt. Diktaturen, so Plessner, kommen aus mit Jurisprudenz, Statistik und Propaganda. Bedenkt man dies, so hat es mit dem zunächst vielleicht ein wenig pathetisch klingenden Ausspruch des Soziologenpräsidenten ganz seine Richtigkeit: Diese Wissenschaft ist ein Instrument der Freiheit.

Plessner hatte auch von der (gegenüber früher) größeren Wirklichkeitsnähe der Soziologen gesprochen und davon daß heute kaum noch jemand auf den Gedanken verfalle, diese Disziplin als Sozialphilosophie zu definieren. Indes, in Berlin zeigte sich – wie schon auf dem letzten Soziologentag vor zweieinhalb Jahren in Bad Meinberg –, daß unter "Wirklichkeitsnähe" auch im Kreise der Soziologen offenbar verschiedenes verstanden wird.

Sagen wir es offen: Deutlicher fast noch als zuvor wurde die Kluft spürbar zwischen einer Reihe der großen Senioren, die sich jenem Zweig der spekulativen, philosophisch orientierten Soziologie verhaftet fühlen, und der jungen Wissenschaftlergeneration, die sich der empirischen Soziologie verschrieben hat.