Von Ludwig Marcuse

Die Älteren sagten schon immer: Ja, zu meiner Zeit ... Heute meinen sie damit die Jahre nach dem ersten Krieg. Da war manches besser, und manches scheint nur so – und im übrigen: Was läßt sich eigentlich mit diesem Seufzer anfangen? Vielleicht nur dies: daß man aufmerksam wird auf das, was heute fehlt. Es fehlt (zum Beispiel) im Bezirk, den man den literarischen nennt: das Theaterstück und die Polemik. Und vielleicht ist beides sogar der gleiche Mangel. Eine faule Ausrede aber ist es zu sagen: es fehlen die Talente.

Daß es keine deutschen Stücke gibt, zeigt der Blick auf jedes Blatt, welches die Spielpläne bringt. Daß es keine Polemiker gibt, zeigt die matte Flut der Kritik, die keine Springflut mehr kennt, wie sie im ersten Drittel des Jahrhunderts in Maximilian Harden, Alfred Kerr, Karl Kraus in Erscheinung trat; auch in glänzenden Streitern jenseits von Politik und Theater. Viele der berühmtesten Professoren waren damals nicht nur "akademisch".

Nach den Namen der Genannten könnte vermutet werden, es sei die Vertreibung der Juden gewesen, die Deutschland unpolemisch gemacht hat. Aber längst vor den großen Polemikern des zwanzigsten Jahrhunderts, auch noch längst vor ihren glänzenden Lehrern, Boerne und Heine und Marx (der Literatur des militanten Witzes), hatten Luther und Hutten und Lessing und Schopenhauer die große deutsche Pamphlet-Literatur geschaffen, die dann in dem Musikkritiker Richard Wagner und in Nietzsche und noch später in Heinrich Mann ihre herrliche Nachblüte hatte. Heute wird man einwenden: Die Attacke war nicht ihre wesentlichste Leistung. Und man wird einwenden (in einer Sehnsucht nach Ruhe, die sehr verständlich ist): Krieg, Kampf, das Wortduell waren auch im Gebiet des Geistes immer nur das Negative. Und das "Negative" klingt sehr negativ.

Aber dieses "Negative" ist von Heraklits Preis des "Streits" bis zu Hegels Auszeichnung der "Negation" als fruchtbarstes geistiges Stimulans in seiner Bedeutung erkannt worden.

Lessing sang ein großes Loblied auf den "Zank" (wie er sich ausdrückte). Lessing schrieb in der Vorrede zu seiner Abhandlung "Wie die Alten den Tod gebildet": Das Publikum "scheinet vergessen zu wollen, daß es die Aufklärung so mancher wichtigen Punkte dem Widerspruch zu danken hat und daß die Menschen noch über nichts in der Welt einig sein würden, wenn sie noch über nichts in der Welt gezankt hätten". Und Lessing zankte sich unvergeßlich ... zum Beispiel mit dem Professor der Beredsamkeit in Halle: Herrn Klotz – auf den Lessing manch groben Keil setzte.

Heute weist man (aus Friedensbedürfnis) besonders auf die häßlichen Züge des literarischen "Zanks" hin. Als Beispiel zitiert man etwa den "Zank" zwischen Heine und Boerne, der so ausartete, daß der große Epikuräer Heine Anstoß nahm an Boernes ménage à trois. Oder man zitiert Kerr, wo er seinen Feind Harden mit Namen wie "Isidor" oder "Schminkeies" titulierte. Ganz gewiß: auf verschiedenen Ebenen liegen der "Zank" Nietzsche contra Wagner und der "Zank" zwischen den Gebrüdern Hart und dem Theaterkritiker Lindau ... immer jedoch war dabei eine Passion, die die Betroffenen ehrte und das häßliche Drumherum vergessen läßt. Kein Für ohne ein Gegen.