Nicht die Welt, die Unterwelt des Künstlers

Von Gottfried Sello

Unter allen Künstlern, die Montmartre und Montparnasse vor und nach dem ersten Weltkrieg bevölkerten, war Amedeo Modigliani sicher die auffallendste Erscheinung. Sein exzentrisches und desperates Leben ist neuerdings zu einem beliebten Film- und Romanstoff geworden. Nach "Montparnasse 19" wird jetzt auch ein italienischamerikanischer Modigliani-Film gedreht.

Nun hat ein alter Freund des Malers, ein achtzigjähriger Essayist und Kritiker (der vor mehr als dreißig Jahren die erste Modigliani-Biographie geschrieben hat), sich gedrängt gefühlt, das Thema noch einmal und mit der größten Ausführlichkeit aufzugreifen –

André Salmon: "Montmartre – Montparnasse – Das Leben des Malers Modigliani"; deutsch von Karl Rauch; Paul List Verlag, München; 382 S., 16 Abbild., 21,80 DM.

Es geht dem Verfasser nicht um das Werk, sondern um La vie passionnee de Modigliani (so der französische Titel). Er stützt sich bei seinem Lebensbericht auf die eigenen, weit zurückliegenden Erinnerungen und auf die Aussagen von den Freunden, von Soutine, Kisling, Zadkine, Vlaminck, Cocteau, Picasso, die mit "Modi" mehr oder weniger eng liiert waren.

"Bei aller Bewunderung für das Werk des Künstlers und aller Ehrfurcht gegenüber einem leidenschaftlich durchlittenen, schmerzensreichen Leben muß man sich wohl hüten, eben dieses Leben in ein erbauliches umzufälschen", sagt Salmon. Und was er schildert, ist wahrhaftig nicht erbaulich.