Ist der Irak schon kommunistisch? Wird General Kassem Bagdads Kerensky? Oder hat er das Schlimmste überstanden, hat er die Pläne der irakischen Kommunisten vereitelt? Mitte dieser Woche war es schwierig, auf all diese Fragen eine klare Antwort zu geben. Aus Kairo waren wieder sanftere Töne über den Irak zu hören, und es hieß sogar, Nasser habe einen neuen Versuch unternommen, sich mit Kassem auszusöhnen. In Bagdad waren unterdessen die Kommunisten von ihrem Verlangen nach sofortiger Beteiligung am Kabinett abgerückt. Kassem hat also im Tauziehen um die Zulassung der KP die erste Runde gewonnen. Die Anhängerwerbung der Kommunisten geht freilich weiter. Die Kraftprobe, so scheint es, ist nur aufgeschoben. Der nachstehende Bericht von H. A. R. Philby zeigt den Hintergrund auf, vor dem diese Kraftprobe auszutragen sein wird.

Bagdad, im Mai

Es gibt immer noch friedliche Abende in Bagdad Man sitzt auf dem Rasen, der sich am Tigris entlangzieht. Am fernen Ufer geht die Sonne hinter Dattelpalmen unter. Rote Wolken spiegeln sich im Strom. Aus der Ferne von einem Boot weit stromauf kommen Gesang und rhythmisches Händeklatschen. Alles scheint wie ein zeitloser orientalischer Traum.

Aber als es dunkel wird, geht der Traum zu Ende. Auf der trägen Strömung treibt das Boot näher. Der Rhythmus wird deutlicher und auch der Text des Liedchens: "Abdul Karim, die Geißel des Imperialismus Nuri, Nuri, Nuri es-Said, der wie ein Hund durch die Straßen gezerrt worden ist..." Mich fröstelt, und es kommt nicht nur von der Abendkühle.

In Bagdad pulste der Haß schon immer dicht unter der Oberfläche des Lebens, selbst in jenen schwülen, stickigen Sommern, als Nuri dort mit eiserner Faust regierte. Jahrhundertelange Mißwirtschaft wirkte sich aus. Jahrhundertelang: Der Irak war ja schon im Ottomanenreich stets eine der rückständigsten, armseligsten Provinzen. Und jetzt, da die Schleusen geöffnet sind, hat sich die Flut des angestauten Hasses mit schrecklicher Wucht über das Land ergossen.

Da ist etwa Oberst Mahdawi, der Präsident des Volksgerichtshofes. Ein Mann, der die Gewalt verherrlicht und auf die ägyptischen Revolutionäre herabsieht, weil sie es versäumt haben, die Leichen ihrer politischen Gegner durch die Straßen zu zerren. Mahdawi ist das Idol des irakischen Fernsehens. Vor den öffentlichen Fernsehbildschirmen drängt sich das Volk und verfolgt mit Behagen, wie der Oberst seine seltsame Rechtsprechung ausübt.

Allmählich ist in den letzten Wochen wieder Ordnung in Bagdad eingekehrt. Die ungezügelten Haufen der Volkswiderstandsgruppen sind "auf Vordermann" gebracht worden, und sie haben sogar schon gelernt, bei der Paßkontrolle höflich zu den Ausländern zu sein. Ihr Kommandant, Oberst Taha el Bamarni, ist ein angesehener Berufsoffizier kurdischer Abstammung. Überhaupt sind vom Zugführer an aufwärts alle Posten mit Soldaten der regulären Armee besetzt. Aber das große Fragezeichen bleibt: Wie weit sind die Volkswiderstandsgruppen kommunistisch unterwandert? Daß sie disziplinierter geworden sind, besagt wenig, denn "Disziplin" ist auch die neueste Parole der Kommunisten. Und daß sie sehr dringlich die Aufstellung neuer Widerstandsgruppen fordern, das legt eher den Verdacht nahe, sie betrachten diese Gruppe als den Kern einer künftigen Arbeiter- und Bauernmiliz.