GK, Wolfratshausen

Verletzte lagen in halbverschütteten Löchern, mit Seilwinden wurden große Stahlbetontrümmer beiseite geräumt, Schneidbrenner sprühten vor einem Ruineneinschlupf, Bergungstrupps brachten auf Tragbahren Verwundete zum Hauptverbandsplatz. Im Gelände wimmelte es von Männern in khakifarbenen Drillichanzügen mit Schaftstiefeln, langen roten Kunststoffhandschuhen und knallweißen Helmen.

Es klappte vortefflich. Innenminister Alfons Goppel packte bei der Bergung eines Verletzten kräftig mit an und lächelte unter seinem Schutzhelm wie ein Reklamestar, als das Blitzlichtfeuer der Photographen einsetzte. Die neue Landesschule des Luftschutz-Hilfsdienstes in Wolfratshausen bei München, die der Minister erst kürzlich eröffnet hatte, führte ihre erste Großübung vor. Lage: Schwerer Luftangriff eben zu Ende. Die Kulisse war gespenstisch "echt"; Das Ruinenfeld gesprengter Munitionsbunker aus. dem Zweiten Weltkrieg. Ein ideales Übungsgelände ...

Die Kinder aus der Umgebung waren freilich die einzigen, die alles als aufregendes Spiel ansahen und ihren Spaß daran hatten. Bei den meisten Akteuren Und Zuschauern dagegen wurden höchst Unangenehme Erinnerungen wach. Auch wenn der Kursleitet meinte: "Von jedem anderen Lehrgang unterscheiden wir uns dadurch, daß weder Lehrer noch Schüler daran interessiert sind; die erworbenen Kenntnisse jemals praktisch verwerfen zu müssen, Wir üben also für den hoffentlich niemals eintretenden Fall

Innenminister Goppel vertrat die Auffassung, für den Schutz der Zivilbevölkerung müsse nun endlich etwas geschehen, nachdem man jahrelang "aus psychologischen Gründen" auf diesem Gebiet äußerst zurückhaltend gewesen sei. In Wolfratshausen im idyllischen Isartal werden jetzt die Kader des künftigen Hilfsdienstes des öffentlichen Luftschutzes ausgebildet, und bis zum 1. September dieses Jahres sollen in Bayern schon 45 sogenannte Luftschutz-Hilfsdiensteinheiten bestehen. Der Luftschutzwart kommt ebenfalls wieder, unter neuem Namen. Als "Selbstschutzwart" soll er fünfzig bis hundert Menschen "betreuen". Die alten Sirenen werden überprüft und durch neue ergänzt. Alte Bunker werden auf ihre Brauchbarkeit im Atomkrieg untersucht. Arznei- und Lebensmitteldepots sollen angelegt, Probealarme abgehalten und "Hausgemeinschaften" gebildet werden.

Vorläufig werden die Hilfsdiensteinheiten noch aus Freiwilligen des Technischen Hilfswerkes und des Roten Kreuzes rekrutiert. Der Minister ließ aber keinen Zweifel darüber, daß die Zahl der Freiwilligen nicht ausreichen werde. "Eine gesetzliche Befugnis der Behörden, im Bedarfsfalle Notstandsverpflichtungen vorzunehmen, wird wohl kommen müssen."