R.N., London, Ende Mai

Nachdem man in der britischen Industrie und selbst in Whitehall trotz entmutigenden Erfahrungen immer noch sehr dazu geneigt hat, in verstärkten handelspolitischen Bestrebungen gegenüber dem Ostblock die Lösung aller heimschen Außenwirtschaftsprobleme zu sehen, schenen die Enthusiasten des östlichen Geschäfts jene langsam zum Realismus zurückzufinden.

Freilich ist es Sir David Eccles in nahezu 14tägiger Erkundung zusätzlicher Austauschmöglichkeiten gelungen, für den bisher ad hoc abgewickelten britisch-russischen Warenverkehr eine vertragliche Regelung zu arrangieren. In der Bezifferung der möglichen Expansion zeigt er sich jedoch auffallend reserviert. Obwohl man im hiesigen Maschinenbau natürlich mit neuem Mute hoff:, von Rußlands Importbehörden (deren Bezugswünsche wiederum überaus attraktiv herausgestellt wurden!) mit gewichtigen Aufträgen bedacht zu werden, geben erste Kommentare zum Ergebnis der Moskaureise des Handelsministers schon nachdrücklich zu bedenken, daß die in ihrer Wirtschaftsplanung unverändert auf Autonomie abzielende Sowjetunion wohl immer nur ein gelegentlicher Käufer bleiben und als Kunde also kaum je in den Rang etwa von Neuseeland oder Belgien aufsteigen dürfte.

1958 betrug Englands Import aus der UdSSR ganze 59 1/2 Mill. Pfund oder weniger als 2 v. H. der Gesamteinfuhr. Der britische Export nach Rußland hatte sich gar um 11 Mill. auf knapp 24 Mill. Pfund oder nicht einmal 1 v. H. der Gesamtausfuhr zurückgebildet. Zudem war Moskau eigentlich schon zuvor unverkennbar darauf ausgegangen, im Rahmen eines relativ eher beschränkten Umsatzes größtmögliche Aktivsalden zur Verwendung im äußeren Sterlingraum zu erzielen.

Trotz aller Unterstützung, die man den Handelsbeziehungen zu den überseeischen Commonwealthpartnern in London gewöhnlich gewährt, konnte man sich mit einer solchen Politik auf die Dauer aber nicht gut abfinden. Mehr und mehr wurde in letzter Zeit daher geltend gemacht, daß Exporte und Importe im Rußlandgeschäft in keinem angemessenen Verhältnis zueinander stehen und die ersteren also aufgestockt werden müßten.

An einer schnellen Förderung der Ausfuhr lag der britischen Kapitalgüterindustrie um so mehr, als sie aus konjunkturellen Gründen nicht länger ihre Kapazität voll ausnutzen kann und also in der Lage ist, zusätzliche russische Aufträge für Spezialmaschinen und ganze Werkausrüstungen bequem in ihr Fertigungsprogramm aufzunehmen. Zugleich hat die gegenwärtige Konjunkturflaute allerdings auch bewirkt, daß Englands Aufnahmevermögen für Rußlands traditionelles Rohstoffangebot begrenzt ist und vorderhand auch bleibt.

Da England natürlich auch nicht zusätzliche Mengen russisches Öl kaufen kann, solange die traditionellen Lieferanten im Nahen Osten auf Überschüssen sitzen, machte Moskau geltend, die Voraussetzung einer Intensivierung des Austausches zwischen beiden Ländern sei dann eben die Gewährung eines langfristigen britischen Regierungskredits. Ein solcher war zuletzt (mit 10 Mill. Pfund und 5 1/2 %iger Verzinsung auf zehn Jahre) im Jahre 1936 gewährt worden.