Von Wolfgang Clemen

Wie unseren Lesern bereits angekündigt, nimmt Wer Professor Dr. Wolfgang Clemen, der Manchester Ordinarius für Anglistik, Stellung zu einigen Fragen der Hochschulreform, die als besonders wichtig erscheinen. Clemens Betrachtungen werden in den nächsten Nummern der ZEIT fortgesetzt.

Wer heute die Kultusetats der Länder und des Bundes mit den entsprechenden Ausgaben vor sechs Jahren vergleicht und von den großangelegten Planungen des Wissenschaftsrates hört, muß zugeben, daß jetzt zweifellos mehr für die Hochschulen getan wird als noch vor einigen Jahren. Der immer stärker werdende Druck des Massenansturms auf die Universitäten war bis zu einem Punkt angewachsen, wo er nicht nur die innere, sondern auch bereits die äußere Ordnung des Hochschulbetriebs zu sprengen drohte. In Zeitläuften wie den unsrigen, in denen "ohne Druck nun einmal nichts geschieht und nichts zu erreichen ist", war dieser Massenansturm einer der Faktoren, die die Öffentlichkeit mobilisierten und Hilfsbereitschaft bei den Verantwortlichen auslösten.

Wenn auch die zur Verfügung stehende finanzielle Hilfe noch nicht sämtlichen Notwendigkeiten Rechnung trägt, so stehen doch fast alle Hochschulen heute vor einer nicht unbeträchtlichen personellen und räumlichen Erweiterung. Entwickelt sich das so weiter, dann wird man mit einigem Optimismus sogar sagen dürfen, daß mit dieser allmählichen Anpassung der räumlichen und personellen Kapazität an die großen Studentenzahlen die erste Phase der Hochschulreform angelaufen sei. In der Tat waren insbesondere für Außenstehende die überfüllten Hörsäle, fehlenden Arbeitsplätze sowie das schlimme Mißverhältnis zwischen Studentenzahl und Lehrstab oft genug Anlaß gewesen, in der Behebung dieser unguten Zustände das wichtigste Problem der Hochschulreform zu sehen. Man hat folglich immer wieder die Forderung "Schafft doch endlich mehr Räume und mehr Lehrstühle" erhoben.

Der Massenbetrieb mit allen seinen Folgeerscheinungen stellt nun einmal den Erfolg von Unterricht und Studium in Frage und bringt die Universitätsausbildung um ihren eigentlichen Sinn. Hier also Abhilfe zu schaffen, war und ist, eine vordringliche Aufgabe, die gar nicht oft genug betont werden kann. Denn die negativen Folgen sind immerhin schon so deutlich geworden, daß der derzeitige verantwortliche Präsident der Rektorenkonferenz, Professor Jahreiss, die Hauptfrage, ob denn im jetzigen Stadium der Übervölkerung der Hochschulen eine sachgerechte Ausbildung der Studenten noch gewährleistet sei, mit einem klaren "Nein" beantwortete.

Wenn aber nun der normale Zugverkehr – um ein banales Bild zu gebrauchen – in einiger Zeit vermutlich wieder funktionieren wird, dann müßte man auch fragen, wer in diesen Zügen nun mitfährt.

Die Notwendigkeit der räumlichen und personellen Erweiterung der Hochschulen, an deren Dringlichkeit gar nicht zu rütteln ist, läßt nämlich das Problem der Hochschulreform vornehmlich unter quantitativen und finanziellen Aspekten erscheinen. Es besteht daher die nicht geringe Gefahr, daß die geistigen und qualitativen Grundfragen demgegenüber allzusehr in den Hintergrund treten.