Die Zellstoffabrik Waldhof wird für das Jahr 1958 eine Dividende von 7 v. H. (im Vorjahre 6 v. H.) zahlen. Die Ersparnisse an Körperschaftssteuer werden damit weitergegeben – mehr nicht. Bei der schwierigen Situation in der Zellstoffindustrie war es für das Unternehmen nicht leicht, die gleichen Erträge wie im Vorjahr zu erarbeiten. Die Erzeugung mußte infolge von Absatzschwierigkeiten für Chemiefaserzellstoff im vergangenen Jahre zeitweise eingeschränkt werden, Durch begrenzte Umstellung auf Papierzellstoff und durch Erhöhung des Eigenverbrauchs konnten jedoch in der zweiten Jahreshälfte die Zellstoffanlagen wieder voll ausgelastet werden.

Der Wind einer günstigen Konjunktur beflügelt aber auch jetzt noch nicht die Segel des Unternehmens. Die Bundesrepublik hat zur Zeit in Europa die niedrigsten Zollsätze für Papier und Papiererzeugnisse. Die Auslandskonkurrenz, vor allem die ausländische Zellstoffindustrie, findet daher in Deutschland einen guten Markt. Bei Chemiezellstoff kommt hinzu, daß in Übersee laufend neue Kapazitäten geschaffen werden und daß die japanische Textilindustrie bei reichlich bemessenen Kontingenten ihre Zellstofferzeugnisse in größerem Umfang in Deutschland abzusetzen vermag. So stehen die Zellstoffpreise unter Preisdruck. Sie sind in den letzten Monaten des Jahres 1958 gesunken. Das deutsche Fichtenholz ist dem nicht in vollem Umfang gefolgt. Damit hat sich in der Zellstoffindustrie die Spanne zwischen den Preisen für Rohstoffe und denjenigen für Fertigfabrikate verringert.

Das Unternehmen ist bemüht, aus seiner bedrängten Lage herauszukommen. Man geht in verstärktem Maße zur Herstellung von Buchen-Zellstoff über. Ziel ist dabei, in absehbarer Zeit die Kapazitäten je zur Hälfte mit Buchen- und Fichtenzellstoff auszulasten und die Qualitäten zu verbessern. Das erfordert Investitionen. Vor allem aber ist Waldhof bestrebt, stärker in die Papiererzeugung und -verarbeitung einzudringen, weil hier größere Chancen gegeben sind. Bereits heute entfallen zwei Drittel des Umsatzes der Waldhof-Gruppe von insgesamt 400 Mill. DM (bei der AG 300 Mill. DM) auf den Bereich der Papiererzeugung und der Papierverarbeitung. Das Eindringen in die Verarbeitung kann nur mit sehr großer Vorsicht erfolgen: die Interessen der treuen Kunden, d.h. der Abnehmer von Zellstoff und Papier, dürfen nicht tangiert werden.

Es gibt Bereiche, in denen noch keine Bindungen bestehen. Dies gilt zum Beispiel von der Wellpappenfabrikation. Hier hat Waldhof eine zweite Maschine aufgestellt! eine dritte wird folgen. In Minden soll eine neue Kartonnagenfabrik gebaut werden. Um die von den Wellpappenbetrieben benötigten Rohstoffe in genügender Menge bereitzustellen, wird es notwendig sein, eine neue Papiermaschine in Mannheim in Betrieb zu nehmen. Es folgt eine weitere Maschine zur Herstellung hygienischer Papiere. Diese Maschinen werden in Deutschland aber kaum gefertigt; sie sind in den USA weitverbreitet. Wenn dieses Programm erfüllt ist, wird die Waldhofgruppe wieder über achtundzwanzig Maschinen verfügen; das ist die Hälfte der Vorkriegs-Maschinenausrüstong.

Die Investitionen werden aus den Abschreibungen finanziert. Bei Nutzung aller steuerlichen Möglichkeiten betrugen die so gewonnenen Mittel im letzten Jahr gut 19 Mill. DM. Das Investitionsprogramm wird diesem Betrag entsprechen. Hieran wird sich in Zukunft auch nicht viel ändern. Eine Kapitalerhöhung wird jedenfalls nicht in Erwägung gezogen; dafür ist noch keine ausreichende finanzielle Basis gegeben. Immerhin ist man im Jahre 1958 auch hier einen kräftigen Schritt vorangekommen. Die kurzfristigen Finanzschulden konnten nochmals um 22 Mill. DM gemindert werden. Kurzfristige Bankschulden weist die Bilanz nicht mehr aus, nur noch 3,8 Mill. DM Wechselschulden, was im Verhältnis zum Umsatz des Unternehmens nicht viel ist. Zwei Maßnahmen haben zu diesem guten Ergebnis beigetragen; einmal die Auflage einer Anleihe in Höhe von 20 Mill. DM, zum anderen der Abbau des Lagers an Verbrauchsstoffen, vor allem an Holz, von 48,1 Mill. DM Ende 1957 auf nunmehr 36,4 Mill. DM. Diese Verminderung der Bestände wurde vorgenommen, als Preissteigerungen bei Holz nicht mehr wahrscheinlich schienen. Zum Teil gelang es, die Lagerfunktion in die Vorstufe zurückzuverlegen. In verstärktem Maße wird Holz verarbeitet, das im laufenden Jahr anfällt.

Die verbesserte Finanzstruktur blieb nicht ohne Einfluß auf den Ertrag. Der Aufsichtsratsvorsitzende H. J. Abs erklärte auf der Pressekonferenz, daß die Dividende für 1958 ehrlicher verdient sei als diejenige für 1957, sei es doch möglich gewesen, im letzten Geschäftsjahr den Rückstellungen für Pensionen 2,3 Mill. DM zuzuführen, was 1957 nicht geschehen konnte – obwohl das damals schon nötig gewesen wäre.

Die Zellstoffabrik Waldhof, die am 26. Juni, also am Tage nach ihrer Hauptversammlung, mit einem Festakt ihres 75jährigen Bestehens gedenken wird, schaut so etwas optimistischer in die Zukunft. Was zur Förderung des Unternehmens getan werden konnte, ist geschehen. Es liegt jetzt an den für die Handelspolitik verantwortlichen Stellen, wirksame Übergangsmaßnahmen zugunsten der Zellstoffindustrie durchzuführen, um damit die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Wettbewerb mit dem Ausland zu schaffen.

W. Ringleb