Zerfall der Gewerkschaftsmacht?

Von Francesco Kneschaurek

Es erscheint zunächst paradox, in einem Jahr, das aller Wahrscheinlichkeit nach als eines der "großen Streikjahre" in die amerikanische Wirtschaftsgeschichte eingehen wird, von einem Zerfall der Gewerkschaftsmacht sprechen zu wollen. Die zur Zeit in amerikanischen Gewerkschaftskreisen herrschende Kampfstimmung und die bisher erzielten Verhandlungserfolge dürfen indessen über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß auch die amerikanischen Gewerkschaften ihre Sorgen haben.

Bezeichnenderweise wird die Zukunft der organisierten Arbeiterbewegung gerade von den Gewerkschaftsführern selber pessimistisch beurteilt. Der entscheidende Grund hierfür liegt in der alle Bereiche der Wirtschaft erfassenden Technisierung und Automatisierung des Produktionsprozesses. Die manuelle Arbeit wird mehr und mehr durch die Maschine verdrängt, während umgekehrt zur Beherrschung der neuen Produktionstechnik eine "Klasse" von Spezialisten und Facharbeitern heranwächst, die mit der bisherigen Arbeiterklasse nur mehr recht wenig gemeinsame Züge aufweist. Diese Entwicklung zeigt sich u. a. in der raschen (auch absoluten) Abnahme der Fabrikarbeiter – der sogenannten "Blue-Collar Workers" und der um so stärkeren Zunahme der außerhalb der Produktionsstätten wirkenden Arbeitskräfte, die mit der Konstruktion, Entwicklung, Produktions- und Arbeitsvorbereitung, der Überwachung der automatisierten Produktionsvorgänge sowie der kaufmännischen Geschäftsabwicklung beschäftigt sind, gemeinhin "White-Collar Workers" (Stehkragen-Proletariat) genannt.

Die Zahl der Fabrikarbeiter ist z.B. in der amerikanischen Verarbeitungsindustrie seit 1947 um nahezu eine Million zurückgegangen, während die Zahl der "Nicht-Fabrikarbeiter" in der gleichen Zeitspanne um nahezu 1,5 Millionen zugenommen hat. Die Macht der Gewerkschaften stützt sich aber vor allem auf die Fabrikarbeiter. Mehr als 85 v. H. der Mitglieder aller amerikanischen Gewerkschaften sind "Blue-Collar Workers". Der Rückgang der Einsatzmöglichkeiten für diese Arbeitskräfte führt daher automatisch zu einem allmählichen Versiegen der gewerkschaftlichen Rekrutierungsquellen und zum Abbröckeln der von den Gewerkschaften gelenkten Streitmacht.

Die "White-Collar Workers" – namentlich die qualifizierten Arbeitskräfte – lassen sich nämlich nur schwer gewerkschaftlich organisieren. Die Rückläufigkeit der Mitgliederzahl in den größten amerikanischen Gewerkschaften deutet darauf hin, daß der strukturell bedingte Ausfall an "Blue-Collar Workers" mit keinem entsprechenden Zugang von Mitgliedern aus der Sphäre der "White-Collar Workers" ausgeglichen wurde.

Die Gewerkschaften haben allerdings ihre Bemühungen in dieser Richtung intensiviert. Ihr Erfolg steht jedoch noch keineswegs fest. Wie Leonard Woodcock, der Vizepräsident der Automobilarbeiter-Gewerkschaft, kürzlich bemerkte, stehen zur Zeit etwa 85 Gewerkschaften im schärfsten Konkurrenzkampf um die Gunst der noch nichtorgnanisierten Arbeiterschaft. Sie schrecken dabei nicht einmal davor zurück, das Ansehen ihrer "Konkurrenten" herabzusetzen, nur im einen zusätzlichen Rekrutierungserfolg zu buchen. Darunter leidet letzten Endes das Prestige der gesamten Gewerkschaftsbewegung – und das Widerstreben der "White-Collar Workers", einer Gewerkschaft beizutreten, wächst dementsprechend.

Dazu kommt aber noch ein weiteres: Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Automation rascher, durchgreifender und mit den niedrigsten Kosten durchgeführt werden kann, wenn man – anstatt die bereits bestehenden Anlagen umzubauen – völlig neue Anlagen erstellt. Ein charakteristisches Merkmal der gegenwärtigen Entwicklung liegt nun darin, daß diese Neuanlagen immer weniger an den bisherigen Industriestandorten aufgebaut werden. Die Praxis geht vielmehr in der Richtung einer zunehmenden Dezentralisierung der Produktionstätigkeit und vor allem der Verlegung der Kapazitäten nach weniger industrialisierten Gegenden, wo die Gewerkschaftsbewegung noch nicht recht Fuß gefaßt hat. Damit wird aber die Front der Gewerkschaften durchlöchert. Diese können sich immer weniger darauf beschränken, die Arbeiterschaft in einigen wenigen, aber entscheidenden Wirtschaftszentren und Tätigkeitsbereichen durchzuorganisieren, sondern sind gezwungen, ihre Kräfte aufzusplittern und zu einer mühsamen Eroberung der Arbeiterschaft in Tausenden von kleineren Industrieorten zu schreiten, die sich außerdem ihrem Machteinfluß weitgehend zu entziehen vermögen.

Zerfall der Gewerkschaftsmacht?

Die Gewerkschaften haben in den letzten Jairen versucht, dieser Dezentralisierungstendenz durch vertragliche Abmachungen entgegenzuwirken, mit dem Ziel, die "Kosten" einer Standortsverlegung für die Unternehmer zu erhöhen (hohe Lohnausfall-Entschädigungen für Arbeiter, die durch die Standortsverlegung arbeitslos werden; ebenso hohe, an die Gewerkschaften zu leistende "Transferentschädigungen" für diejenigen Arbeiter, die an die neuen Standorte versetzt und damit dem Einflußbereich der "angestammten" Gewerkschaft entzogen werden, usw.). Doch auch diese Kunstkniffe vermögen den Drang zur Dezentralisierung der Industrie nicht aufzuhalten. Die Gewerkschaften werden sich daher – wie ein Gewerkschaftsführer kürzlich betonte – wohl oder übel "auf das Land" begeben müssen, um dort neue Mitglieder zu werben.

Schließlich sei noch auf eine demographische Entwicklungstendenz hingewiesen, die den Gewerkschaften einiges Kopfzerbrechen verursacht: Infolge der überaus niedrigen Geburtenüberschüsse aus den dreißiger Jahren wird der Zuwachs der in den nächsten Jahren ins erwerbsfähige Alter tretenden Männer relativ bescheiden sein. Die dadurch entstehende Angebotslücke auf dem Arbeitsmarkt wird sich nur durch den vermehrten Einsatz von Frauen schließen lassen. Nach den Schätzungen des "Government Bureau of Labour Statistics" wird sich die Zahl der Arbeitskräfte bis 1965 (im Vergleich zu 1955) um etwa 10,5 Millionen erhöhen; mehr als die Hälfte dieses Zuwachses wird aus Frauen bestehen. Frauen lassen sich aber am allerwenigsten gewerkschaftlich organisieren. Das künftige Rekrutierungsfeld und daher auch die künftigen Expansionsmöglichkeiten der Gewerkschaften werden von dieser Seite her ebenfalls begrenzt.

Die Gewerkschaften sind sich allmählich bewußt geworden, daß sie ihre Politik – ja wahrscheinlich ihre ganze Organisationsform – grundlegend werden revidieren müssen, wenn sie nicht früher oder später den Zusammenbruch ihrer Machtposition erleben wollen. Diese Reorganisierung des gewerkschaftlichen Apparates kann offensichtlich nicht von einem Tag auf den anderen erfolgen. Während der notwendigen Anpassungs- und Umstellungszeit werden die Gewerkschaften weiterhin versuchen, den gegenwärtigen Entwicklungstendenzen entgegenzuwirken und vor allem den raschen Rückgang der "Blue-Collar Workers" abzubremsen, indem sie mit allen Mitteln eine weitere Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche (eine entsprechende Gesetzesvorlage liegt bereits vor) sowie eine Herabsetzung des Pensionierungsalters durchzusetzen versuchen.