Die Gewerkschaften haben in den letzten Jairen versucht, dieser Dezentralisierungstendenz durch vertragliche Abmachungen entgegenzuwirken, mit dem Ziel, die "Kosten" einer Standortsverlegung für die Unternehmer zu erhöhen (hohe Lohnausfall-Entschädigungen für Arbeiter, die durch die Standortsverlegung arbeitslos werden; ebenso hohe, an die Gewerkschaften zu leistende "Transferentschädigungen" für diejenigen Arbeiter, die an die neuen Standorte versetzt und damit dem Einflußbereich der "angestammten" Gewerkschaft entzogen werden, usw.). Doch auch diese Kunstkniffe vermögen den Drang zur Dezentralisierung der Industrie nicht aufzuhalten. Die Gewerkschaften werden sich daher – wie ein Gewerkschaftsführer kürzlich betonte – wohl oder übel "auf das Land" begeben müssen, um dort neue Mitglieder zu werben.

Schließlich sei noch auf eine demographische Entwicklungstendenz hingewiesen, die den Gewerkschaften einiges Kopfzerbrechen verursacht: Infolge der überaus niedrigen Geburtenüberschüsse aus den dreißiger Jahren wird der Zuwachs der in den nächsten Jahren ins erwerbsfähige Alter tretenden Männer relativ bescheiden sein. Die dadurch entstehende Angebotslücke auf dem Arbeitsmarkt wird sich nur durch den vermehrten Einsatz von Frauen schließen lassen. Nach den Schätzungen des "Government Bureau of Labour Statistics" wird sich die Zahl der Arbeitskräfte bis 1965 (im Vergleich zu 1955) um etwa 10,5 Millionen erhöhen; mehr als die Hälfte dieses Zuwachses wird aus Frauen bestehen. Frauen lassen sich aber am allerwenigsten gewerkschaftlich organisieren. Das künftige Rekrutierungsfeld und daher auch die künftigen Expansionsmöglichkeiten der Gewerkschaften werden von dieser Seite her ebenfalls begrenzt.

Die Gewerkschaften sind sich allmählich bewußt geworden, daß sie ihre Politik – ja wahrscheinlich ihre ganze Organisationsform – grundlegend werden revidieren müssen, wenn sie nicht früher oder später den Zusammenbruch ihrer Machtposition erleben wollen. Diese Reorganisierung des gewerkschaftlichen Apparates kann offensichtlich nicht von einem Tag auf den anderen erfolgen. Während der notwendigen Anpassungs- und Umstellungszeit werden die Gewerkschaften weiterhin versuchen, den gegenwärtigen Entwicklungstendenzen entgegenzuwirken und vor allem den raschen Rückgang der "Blue-Collar Workers" abzubremsen, indem sie mit allen Mitteln eine weitere Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche (eine entsprechende Gesetzesvorlage liegt bereits vor) sowie eine Herabsetzung des Pensionierungsalters durchzusetzen versuchen.