Am 8. Juli wird die "Kleine Genfer Konferenz", die einen Vertrag über die Einstellung der Kernwaffenversuche ausarbeiten soll, nach etwa vierwöchiger Pause ihre Beratungen wieder aufnehmen. Die Delegierten der drei Atommächte – USA, Sowjetunion, Großbritannien – hatten den Außenministern das Feld überlassen. Aber mit der Vertagung der Atomkonferenz war die Diskussion nicht abgerissen. Sie wurde am Rande der "Großen Konferenz" – auch von den Außenministern der drei Atommächte – weitergeführt. Viel ist über diese Gespräche nicht bekanntgeworden, aber es scheint, daß sie manchen Beobachtern in Genf Anlaß zu gemäßigtem Optimismus bieten.

Die Außenminister sollen in Genf eine Gipfelkonferenz vorbereiten. Daß sie auch in den Gang der Atomgespräche eingegriffen haben, dürfte kein Zufall sein. Falls das Ergebnis der Berlin-Verhandlungen so minimal ausfällt, daß es eine Konferenz der Regierungschefs nicht rechtfertigt, könnte der zusätzliche Anreiz eines Atomvertrags vielleicht den Ausschlag zu Gunsten des von Chruschtschow gewünschten Gipfeltreffens geben.

Der Vertrag über die Einstellung der Atomversuche, über den seit dem -31. Oktober des letzten Jahres in Genf verhandelt wird, ist zu drei Vierteln fertig. Über die wichtigsten Vertragsartikel allerdings haben sich die Delegierten noch nicht geeinigt. Nämlich über die Frage, welche Versuche (unter der Erde, über der Erde, außerhalb der Erdatmosphäre) sollen verboten werden, und wie soll die Kontrolle ausgeübt werden?

Trotz der grundsätzlichen sowjetischen Abneigung gegen fremde Kontrollen – "Spionage durch Inspektion eines Atomverzichts" – scheint es, daß auch dieser Punkt des Vertrages keine unüberwindlichen Hindernisse mehr bietet.

Viel schwieriger ist die Einigung über die Frage, welche Versuche überhaupt verboten werden sollen. Die Sowjets haben einen allgemeinen Versuchsverzicht gefordert. Eisenhower dagegen hat vorgeschlagen, zunächst einmal alle Explosionen über der Erde bis zu einer Höhe von 50 Kilometern einzustellen. Der amerikanische Präsident stützt sich dabei auf neue wissenschaftliche Daten, aus denen hervorgeht, daß Explosionen unter der Erde und außerhalb der Erdatmosphäre nur sehr schwer, wenn überhaupt, festzustellen sind. Die Sowjets zögern noch, diese neuen Daten zu erörtern.

Auf welchen Kompromiß sich die Atommichte einigen werden, läßt sich vorerst noch nicht voraussagen. Daß eine Einigung erzielt wird, daran zweifelt im Grunde kaum jemand. Immerhin hat Chruschtschow versichert, bis Ende des Jahres werde ein Vertrag zustande kommen. Außerdem haben seit sieben Monaten keine Atomexplosionen mehr stattgefunden. Der Versuchsverzicht wurde also stillschweigend praktiziert. Entscheidend ist aber wohl, daß Ost und West bei den Atomverhandlungen – im Gegensatz zu den Gesprächen über Deutschland und Berlin – gemeinsame Interessen haben.

Der radioaktive Niederschlag ist für Irkutsk genauso gefährlich wie für Denver oder Birmingham. Das ist der eine Punkt, wo die Interessen koinzidieren. Der zweite ist fast noch wichtiger. Ein Artikel des Vertragstextes, über den sich die Delegierten schon zu Anfang ihrer Beratungen geeinigt hatten, verpflichtet die Vertragspartner, Kernwaffenversuche "Dritter" auf keinen Fall zu ermutigen oder sich daran zu beteiligen. Damit soll dem Eintritt neuer Nationen in den exklusiven Klub der Atommächte ein Riegel vorgeschoben werden. Mit anderen Worten, Frankreich und China würden "draußen vor der Tür" bleiben.