Ausgerechnet "Die Wahrheit" heißt ein "Informationsblatt für Westberlin", das die SED zweimal wöchentlich in geringer Auflage für die Funktionäre und Mitglieder ihrer Partei in Westberlin herstellen läßt. In Kürze soll, wie vor einigen Tagen verlautete, das Blatt im Format einer großen Zeitung – die in ihrer äußeren Aufmachung seriösen westdeutschen Zeitungen täuschend nachgebildet sein soll – und in größerer Auflage, für einen Groschen frei verkäuflich, dreimal in der Woche erscheinen. Zu diesem Zweck hat die Berliner Parteiorganisation der SED mit der Westberliner Buch- und Zeitungsdruckerei Hentschel, Heidrich & Co (die bis vor einiger Zeit "Die Welt", "Die Welt am Sonntag", die "Bild-Zeitung" und den "Kurier" gedruckt hat) einen Lohndruckvertrag abgeschlossen. Der Geschäftsführer der Druckerei bezeichnete die Übernahme des SED-Auftrages auf Befragen als eine "rein kommerzielle Angelegenheit" und erklärte wörtlich: "Solange die SED in Westberlin zugelassen ist, können wir nicht päpstlicher sein als der Papst".

Der Berliner Senat erklärte inzwischen, er stelle Erwägungen darüber an, ob die SED mit dem Druck einer eigenen Zeitung in Westberlin Rechte für sich in Anspruch nehme, die den demokratischen Kräften der Stadt im Osten vorenthalten blieben. Bekanntlich hat die im Ostsektor zugelassene SPD seit der Spaltung der Stadt nicht mehr die Möglichkeit erhalten, dort eine eigene Zeitung herauszugeben. Mit dem Abschluß des neuen Druckvertrages aber hat die SED nunmehr die Zeitungs- und Druckschriftensperre einseitig zu ihren Gunsten durchbrochen, die für die gegenseitige Ein- und Ausfuhr solcher Druckerzeugnisse zwischen dem Herrschaftsbereich der SED und der Bundesrepublik, einschließlich Westberlins, also auch zwischen den beiden Hälften Berlins besteht.

A. W. A.