Von Rudolf Walter Leonhardt

Dichter sind zuweilen betrunken. Immer dann wohl, wenn einige Stunden vorher das Gefühl in ihnen übermächtig geworden war, diese Welt sei nur noch im Alkoholrausch zu ertragen. Vor Premieren zum Beispiel. Dichter haben zuweilen eine dünne Haut und nicht sehr kräftige Ellenbogen. Eine Berufskrankheit, vermutlich.

Ein solcher betrunkener Dichter trat auf die Bühne des Schillertheaters und wollte, wie jeder heute, den Berlinern etwas Nettes sagen. Da schrie einer aus dem Publikum: "Nimm die Hände aus den Hosentaschen!"

Wer der Schreier war, ist mir unbekannt. Viele hoffen mit mir, es sei kein Berliner gewesen, sondern einer, der sich aus der Provinz nach Charlottenburg verirrt hatte.

Erst vor kurzem die Empörung über die Hände in den Hosentaschen der Oxforder Studenten; dann also der Berliner Theaterordnungsruf den Iren Brendan Behan. Wir entwickeln da wohl einen sonderbaren Ehrgeiz, andere Leute in rauher ("aber herzlicher") Form darüber zu belehren, wo ihre Hände hingehören. "We have it neccessary", wie ein Deutscher in London so halbtreffend bemerkte.

Von Brendan Behan war die Rede. Sein Stück "Der Mann von morgen früh" war kein Erfolg in Berlin, wäre es wohl auch dann nicht gewesen, wenn der Dichter die Premierenangst nüchtern überstanden und die Hände an die Hosennaht genommen hätte.

Ein Kritiker vom Range Kenneth Tynans freilich "verließ das Theater völlig überwältigt und voller Dank", und der doch zuweilen recht strenge Günter Blöcker bestätigte dem Intendanten immerhin "Es darf – vom Stück wie von der Sache her – als eine bemerkenswerte Mutprobe des Schiller-Theaters gelten, daß es die Aufführung gewagt hat."