GK, München

Am Dienstag bestiegen dreizehn Männer mit enggeschnittenen Hosen und moderner Frisur in München einen Autobus nach Ostberlin. Dort stiegen sie um in den Zug nach Moskau. Die dreizehn Herren exportieren einen seltenen Artikel nach der Sowjetunion: deutschen Jazz.

Als im vergangenen Jahr das Bolschoi-Ballett in Westdeutschland gastierte, läutete in der Villa Max Gregers in Grünwald bei München das Telephon. Ob Greger zusammen mit seiner zwölfköpfigen Band auf Tournee nach Moskau gehen wolle? Am Apparat war der Hamburger Betreuer der russischen Gastspielgruppe. Er hatte erfahren, daß man am Besuch eines deutschen Tanzorchesters in Rußland interessiert sei. Die gleiche Frage wie an Max Greger stellte er deshalb auch an die Orchester Kurt Edelhagen und Erwin Lehn. Alle drei sagten zu. Moskau entschied sich schließlich für Max Greger und seine Band. "Dufte Sache", sagte Greger, als nach Monaten endlich alles perfekt war.

Zuvor war ein Moskauer Kulturbeauftragter zum Vertragsabschluß nach München gekommen. Er mietete hier auch einen Saal und ließ sich von der Kapelle einiges aus ihrem Repertoire vorspielen. Dabei gab man von russischer Seite dem "Maxe", dessen Tenorsaxophon bei den Jazzfans hoch im Kurs steht, den Rat: "Spielen Sie nicht zu extremen Jazz. Nicht, weil wir ihn nicht mögen, aber weil unsere Leute ihn einfach nicht verstehen."

Der 33 Jahre alte Kapellmeister Greger, der einer alten Münchner Metzgerfamilie entstammt und seine Karriere nach dem Kriege als Akkordeonspieler im US-Dolmetscherklub im München ner Ratskeller begann, stellte sich auf "zünftigbayrisch" um. "Als wir in Tracht als Münchener Blasmusik auftraten, war der Herr aus Moskau begeistert", erzählt er. "Bayern serr gutt, München serr gutt. Bekannt in Rußland für Bierr, Fasching, Oktoberfest", soll der Kulturbeauftragte gesagt haben.

Das Orchester Greger wird in Moskau vor allem Volksmusik und alte Schlager spielen, und die große Schlußnummer soll ein Arrangement aus der Glenn-Miller-Story sein. Vor seiner Abreise hat der Bandleader noch ein paar Brocken russisch gelernt. Er muß nämlich das Programm selbst ansagen. In einem Lexikon hat er bei dieser Gelegenheit entdeckt, daß in Rußland die Bayern als "rauhes Bergvolk" bezeichnet werden. So hat sich Greger denn vorgenommen, den Moskauern besonders gefühlvolle Saxophontöne vorzublasen...