Nikita Chruschtschows Reise zum kleinsten der sowjetischen Satellitenstaaten hat große Überraschungen bisher nicht gebracht. Wie erwartet, hat der sowjetische Ministerpräsident und Parteichef eine Reihe temperamentvoller Reden gehalten und gegenüber Griechenland und Italien sehr vernehmlich mit seinen Raketen gerasselt.

Ob er indes auch bei den geheimen Verhandlungen mit den albanischen Führern viel Temperament an den Tag gelegt hat – niemand vermag es zu sagen. Fest steht jedoch, daß es bei dieser "Vergatterung" der roten Herren der Balkan-Zwergrepublik in erster Linie um das Verhältnis Albaniens zu seinem jugoslawischen Nachbarn gegangen ist. Und hier nun allerdings hat der Machtspruch Chruschtschows Wunder gewirkt. Der albanische Parteisekretär Enver Hodscha erklärte dieser Tage auf einer Massenversammlung – während der mächtige Mann aus Moskau neben ihm saß –, daß Albanien seine Beziehungen zu Jugoslawien "auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung, Gleichheit und Nichteinmischung weiter entwickeln wolle – zu dem Land, "mit dem uns die stärksten Bande verknüpfen".

Mehr noch: Hodscha, kommunistischer Miniatur-Zar über 1,5 Millionen Albaner, rief – unter dem gestrengen Blick Chruschtschows – der Menge zu, daß alle Versuche scheitern müßten, "Feindschaft zwischen diesen beiden Brudervölkern zu säen".

Es war im Januar dieses Jahres, als bei seinem Besuch in Ostberlin derselbe Enver Hodscha schon bei der Begrüßung am Bahnhof die "Intrigen, Provokationen und Angriffe der Imperialisten und ihrer Diener" anprangerte, "der modernen Revisionisten, hauptsächlich der Revisionist jugoslawischer Prägung".

Nun aber, da Chruschtschow gepfiffen hat, sollen die Beziehungen zu Tito auf der Grundlage gegenseitiger Hochachtung "weiterentwickelt" werden.

H.G.