M. D., London, im Juni

Kein Artikel hat in England seit Jahren so eingeschlagen, wie der Leitartikel der TIMES. der in der Montagausgabe erschien, und in dem es hieß, der Premierminister habe sich entschlossen, Selwyn Lloyd vom Posten des Außenministers abzuberufen. Seit Tagen schwirren die Fragen nur so durch die Luft: Aus welcher Quelle hatte der politische Korrespondent der Zeitung seine Informationen? Warum placierte die TIMES den Artikel an so prominenter Stelle? Und warum ausgerechnet jetzt, da nicht nur das Schicksal des britischen Außenministers in Genf auf dem Spiele steht?

Einige besonders zynische Journalisten behaupten, selbst bei der TIMES gäbe es Redaktionspannen: Dem politischen Korrespondenten, der seinen Morgenkommentar schreiben mußte, sei beim besten Willen nichts eingefallen, darum habe er schließlich diese Geschichte zu Papier gebracht. Das Manuskript ging zum innenpolitischen Redakteur, der am Sonntagabend nicht viel Stoff hatte und sich darum entschloß, diesen Kommentar auf den wichtigen Platz zu rücken. Der Verfasser selbst aber war offenbar nach Genf abgereist, als diese Entscheidung gefällt wurde.

Nach dieser Theorie steckt also nichts Besonderes dahinter: ein Mißgriff, nichts weiter ...

Die Regierung vertritt offenbar einen etwas anderen Standpunkt. Sie neigt zu der Annahme, daß – wie es auch immer bei anderen Zeitungen sein möge – in der Times unmöglich ein Artikel erscheinen könne, der nicht solide fundiert sei. Irgendein hochgestellter Politiker müsse der Zeitung mitgeteilt haben, daß Mr. Macmillan sich entschlossen habe, den Außenminister abzulösen. Nun fragt sich die Regierung nur: Wer kann dies gewesen sein? Vielleicht jemand, der selbst auf den Außenministersessel hofft.

Diese Theorie hat allerdings einen Haken. Sie erklärt nämlich nicht ganz, welche Motive den Politiker bewogen haben könnten, diesen Artikel ausgerechnet bei der Times zu lancieren. Denn wenn es ein versierter Politiker war, dann mußte er wissen, daß man durch nichts anderes Mr. Lloyd für viele Monate mit so großer Sicherheit an sein Amt schmieden könne wie durch eine gerade während der Genfer Konferenz veröffentlichte Ankündigung, der Premierminister werde ihn von seinem Posten entfernen.

Die Theorie, die wohl am meisten für sich hat, ist diese: Vielleicht hat wirklich irgendein Politiker dem Times-Korrespondenten gegenüber gewisse Andeutungen gemacht, und dieser putschte die Geschichte dann so gewaltig auf. Daß dieser Kommentar dann zum Leitartikel wurde, das könnte schließlich – auch bei der Times – eine Panne gewesen sein.