So begeisterten Beifall hat es im Schiller-Theater lange nicht gegeben. Er galt ostentativ vor allem Hexmine Körner, die am Tage vor der Premiere gerade ihr 77. Lebensjahr vollendet hatte. Frau Körner spielte die "Irre von Chaillot" schon vor zehn Jahren in Hamburg – ein Grund mehr für die fast beiläufige Souveränität, mit der sie das klug-einfältige, kindlich-weise Geschöpf Giraudoux’ jetzt in Berlin darstellt.

Willi Schmidt zieht durch sein kühl stilisiertes Bühnenbild eine sauber genähte Inszenierung. Hätte er eine weniger glanzvolle, ja exzeptionelle Besetzung fast aller Rollen gehabt, wäre vielleicht das Komödiantische zu kurz gekommen über dem getreulichen Dienst am Geiste des Textes. Ich halte bei allem Respekt vor dem Genius des großen französischen Dramatikers seine "Irre" nur für gelungen im großen Ansatz zu einem revolutionären Märchen, nicht dagegen für stichhaltig oder auch nur durchgehend wirksam in vielen Details und in der gesellschaftskritischen Konzeption. Striche wären angebracht gewesen, zumal die poetische Kraft des Dialogs oft nachläßt und absinkt in menschheitsbeglückende Phraseologie.

Geradezu wunderbar versteht Frau Körner diese weichen Stellen erträglich zu machen durch einen trockenen, zuweilen nonchalanten Ton, den ich "berlinisch" nennen möchte. Neben ihr ist natürlich Martin Held der verläßliche Bühnenmotor, der manche Passagen über die Gefahr der Langeweile hinwegträgt. Auch in den kleineren Rollen große Namen: Roma Bahn, Käthe Haack, Elsa Wagner, Rolf Henniger. Klaus Kammers jüngst aufgestiegenes Talent hat hier allerdings keinen angemessenen Text; Walter Blum und Klaus Miedel zeigen wie immer überzeugende Miniaturen; sehr hübsch und ganz und gar richtig: Helga Siemers.

Die sogenannte normale Welt ist verrückt, meint Jean Giraudoux mit dieser "Irren". Gier und Ausbeutung sind ihre Antriebe. Nur noch die scheinbar "Spinnerten" können sie retten, nur sie bewahren das Menschliche in der Menschheit, sie sind die berufenen Richter der Welt. Romantische Sehnsucht nach besseren alten Zeiten wird beschworen, und auch die Heilsbereitschaft dieses Stückes ist romantisch. Ein wirrer Reigen aus schönen Impulsen in einer metropolwürdig glanzvollen Inszenierung Thilo Koch