R. H., London, Anfang Juni

An Hand der Erfahrungen, die man in England mit dem Abbau der Mietpreisbindung bisher gemacht hat, ist es unbegreiflich, wie dieses Gesetz über die schrittweise Aufhebung der (aus dem ersten Weltkrieg datierenden) Mieten-Zwangswirtschaft noch im letzten Sommer Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen hat werden können. Weder ist als Folge der inzwischen durchgeführten Mieten-Freigabe die Wohnungsversorgung der unteren Einkommensgruppen gefährdet worden, noch sind in der von der Auflockerung des Mieterschutzes betroffenen Bevölkerung Ressentiments entstanden, die das Wählerpublikum irgendwie beeinflußt hätten.

Mit gesundem Gefühl für die Grenzen des Zumutbaren war man sich unter den Mietern sehr wohl bewußt, daß infolge stetiger Geldentwertung die gestoppten Mietsätze mehr und mehr ins Hintertreffen geraten sind und bei weitem nicht mehr das abzuwerfen vermochten, was zur Verzinsung des investierten Kapitals sowie zur Erhaltung und Modernisierung der Baulichkeiten notwendig ist.

Von den Gesamtausgaben des Durchschnitts-Briten entfiel unter der Bewirtschaftung nur noch ein knappes Zehntel auf Mieten, Grundsteuer und Hausreparaturen, gegen rund 13 v.H. in der Vorkriegszeit. Daß die Mieten-Zwangsgesetzgebung als Ausnahmerecht für den privaten Haus- und Grundbesitz sich nicht länger rechtfertigen ließ, hatten schon vor längerem selbst die Sozialisten zugestanden.

Zugleich hat sich der Abbau der Mieten-Bewirtschaftung aber auch deshalb noch immer nicht als "heißes Eisen" erwiesen, weil sich die Vermieter ihrer zurückgewonnenen Freiheit mit versöhnlicher Mäßigung bedienen. Manche von ihnen mögen zwar bloß die auf 250 DM zu beziffernden Kosten scheuen, die ihnen eine gerichtliche Zwangsräumung "eintragen" könnte. Im großen und ganzen sind die Hausbesitzer in erster Linie aber doch darauf bedacht, das nun endlich eingeleitete Zeitalter realistischer Mieten nicht schon. im Start zu behindern.

Und da die Regierung immer wieder betont, es komme ihr weniger auf das marktwirtschaftliche Prinzip als auf die bessere Nutzung des vorhandenen Wohnraums an, wird man mit einer baldigen Überleitung in die zweite Auflockerungsstufe wohl um so mehr rechnen dürfen, als in England 6 bis 7 v. H. des Gesamtbestandes an Wohnungen für abbruchreif gehalten werden müssen und sich die private Bautätigkeit weiterhin fast ausschließlich auf die Deckung des Eigenbedarfes oder die Erstellung von Luxuswohnungen erstreckt. Wozu gleich noch bemerkt sei, daß die Belegungsdichte zur Zeit kaum noch über 3,25 Machen je Wohnung hinausreicht und damit niedriger denn je und auch niedriger als in allen anderen europäischen Ländern sein dürfte.

Als im letzten Oktober, nach mehrmonatiger "Schonzeit", die erste Phase des Programms anlief, war die Lage etwa die, daß der Mieterschutz sich auf mehr als 95 v. H. des vor 1945 entstandenen Wohnraums erstreckte. Voll aufgehoben wurde die Mietpreisbindung einstweilen für alle Eigentumswohnungen und rund 800 000 Mietwohnungen, deren fiskalischer Nutznießungswert jährlich 40 Pfund in London und Schottland und 30 Pfund anderswo übersteigt und die damit als "bessere" oder Mittelstandswohnungen betrachtet werden. Für den Rest der Wohnungen (6,2 Mill.) wurde eine Heraufsetzung der Höchstsätze um 50 bis 100 v. H. bewilligt, bei zusätzlichen 40 v. H. für die dabei schon vor 1915 bewirtschafteten Objekte.

Die seit Kriegsende entstandenen 3,5 Mill. Wohnungen fallen nicht unter die Mietengesetzgebung. Sie sind aber vorwiegend von Kommunalbehörden im Rahmen des sozialen Wohnungsbaues erstellt worden und werden daher vom Staat subventioniert.