Von René Drommert

In der Schriftstellerei, welcher Art sie auch sein mag, gehört das Fabulieren zu den elementaren Fähigkeiten: ein schier unablässig dahineilender und drängender Sturzbach von Eindrücken, Bildern, Motiven, Erläuterungen – ein Bach, der ins Tal der beruhigenden Zusammenfassung, Ordnung und Formung strebt. Die Lust des Fabulierens, weit entfernt von aller Absichtlichkeit und Zweckmäßigkeit, hat nichts zu tun mit "Anliegen", weltanschaulichen Mitteilungen und Tendenzen. Es ist, wenn man diesen strapazierten Begriff Victor Cousins wieder gebrauchen darf, l’art pour l’art, ja eigentlich nicht einmal das, nicht Kunst um der Kunst, sondern, ursprünglicher und naturhafter, Lust des Erzählens um der Lust willen. Das ist der Fall im neuesten Buch von

Martin Beheim-Schwarzbach: "Das kleine Fabulatorium", fünfzig Geschichten; Broschek Verlag, Hamburg; 320 S., 14,80 DM.

Die Erzählungen, im Durchschnitt nur sechs Seiten lang, sind zum Teil schon im Funk (NDR) zu hören gewesen: ihnen eignet in ungewöhnlichem Maße Sprechbarkeit. Sie sind keine "Asphaltliteratur". Zum Teil sind sie übrigens auch schon gedruckt worden, in der ZEIT zum Beispiel die "Narrengeschichte", "Ein ganz einfacher Labetrunk" und "Matt in 7 Zügen".

Martin Beheim-Schwarzbach (geboren 1900) trägt, als das selbstverständliche Zeichen seiner Zunft, die Phantasie im Wappen, ja, er greift, ehe man sich’s versieht, weit und kühn ins Gebiet des Phantastischen, Grotesken und Skurrilen. Viele seiner Figuren leben im oszillierenden Licht der Unwirklichkeit: Puppen, die sich mit Vogelscheuchen zu einem schließlich gar orgiastischen Fest zusammenfinden, auf dem es auch Kavaliersselbstmorde um einer Schönen willen gibt; ein junger Mann, der sich, da er ungemein scheu ist, nur mit Hilfe eines verwunschenen Prinzen in Rattengestalt seine Geliebten beschaffen kann, die schönsten Leckerbissen genießt, sich aber doch schließlich mit Greta Garbos – Postkarte begnügen muß; die düstere Erscheinung Satans, der einen Bildschnitzer zu einem unfrommen Auftrag verführt; und natürlich die Narren und überhaupt mancherlei Narreteien, durch die immer irgendwo ein Zipfel Menschlichkeit und Vernunft durchschimmert.

Das ist eine erstaunliche Sammlung von Geschichten, weit besser geschrieben als das, was heute gemeinhin als Kunst der Erzählung offeriert wird. Der latinisierende Titel "Fabulatorium" mit seinem Anklang an Gelehrsamkeit steht dem Buch freilich nicht recht an. Es ist eine Ware, die für jeden "gebrauchsfertig" daliegt, ohne schwerfällige Kommentare und Chiffren. Sie ist eine so gute, so bekömmliche Kost, daß man freilich noch nicht recht abzuschätzen vermag, wie sie aufgenommen werden wird in einer Zeit, die mehr auf die Zwischentöne geistiger und moralischer Unvollkommenheit und Unsicherheit erpicht zu sein scheint.

Beheim-Schwarzbachs Fabulierkunst, ein beharrendes und kräftig sich wehrendes Element, hat wenig gemein mit allem, was uns heute teuer (und angeblich auch immer geheuer) ist: mit Joyce, Kafka, Ionesco, Genet oder Beckett. Es ist eine Kunst, die es wagt, Begriffe zu gebrauchen, die vom Zweifel noch nicht angenagt sind: zu Brot einfach Brot zu sagen. Es ist, mit einem Wort, eine "unzeitgemäße" Kunst: und darin liegt die Quelle ihrer Kraft.