VII. Wie leben die Franzosen unter Generalde Gaulle? – Ein Pariser Tagebuch

Von Josef Müller-Marein

Das schon erwähnte Kellerlokal gegenüber dem Haupteingang der griechisch-orthodoxen Kirche St. Julien le Pauvre – in nächster Nähe des Domes von Notre Dame, jedoch nicht auf der Insel, sondern im Quartier Latin gelegen – ist mir von allen bekannten Pariser Vergnügungsstätten die liebste, weil sie mir als die pariserischste erscheint. Das mag freilich mit der besonderen Brille zusammenhängen, durch die ich Paris zu sehen gewohnt bin. Man hat mir diese Brille schon in meiner Jugend angepaßt: So, und nun sieh weiter!

Im Laufe der Zeit sind denn auch allerlei Flecken auf die Gläser gekommen. Manche konnte ich wegwischen; andere blieben, soviel und sorgsam ich immer rieb und putzte. Und wenn ich auch nicht behaupten kann, daß Paris einzig und allein so sei, wie ich es sehe, so brauche ich ja nur ein bißchen Vorsicht anzuwenden in meinen Behauptungen. Schon wird man mir zugeben müssen, daß meine Einsichten ins Pariser Leben wenigstens nicht falsch sind; wobei es am Ende gleichgültig sein mag, ob persönliche und gewiß vom Zufall beeinflußte Erlebnisse meinen Blickwinkel erweitert oder eingeschränkt haben ...

Um bei den Pariser Vergnügungen zu bleiben, die ja für unsere reisenden Landsleute eine große Rolle spielen, so ist es mir ein und dieselbe Sache, ob ich auf dem Montmartre oder ob ich in St. Pauli geneppt werde und ob mir, der ich doch schon weiße Schläfen trage, ein unbekanntes Mädchen auf der Reeperbahn in Hamburg "Mein Kleiner" oder auf dem Boulevard Clichy "Mon P’ti" zuflüstert, völlig gleichgültig, ob es in der Augsburger Straße zu Berlin heißt: "Na, und?" oder an der Place Pigalle: "Et alors?"

Das mehr als faule Huhn

Ich habe einen auf der Reeperbahn gedrehten Film mit dem offenbar unvergänglichen Thema Mädchenhandel in einem Kino des Boulevard Clichy gesehen. Das Haus war gut besucht, weil man in dieser Gegend den angepriesenen "Gefahren der Hafenstadt" stets mit Interesse entgegensieht. Und so wahr es ist, daß Hamburg in dieser Hinsicht einen weltdurchbrausenden Ruf wie Donnerhall hat, so gewiß ist doch auch, daß dies "Deutsche Tor zur Welt" zugleich die Stadt ruhiger Wohlanständigkeit ist, in der die Menschen sich maßvoll verhalten und sogar die Sozialisten konservative Charakterzüge tragen. Ob die Pariser, die den Mädchenhandel-Film aus Hamburg sehen, das für möglich halten: die allenthalben vorherrschende Anständigkeit? Und wie groß der Unterschied zwischen St. Pauli und Montmartre ist, mag jeder selber bestimmen, dem ich feierlich erkläre, daß in den Vergnügungsstätten am Montmartre das Programm reichhaltiger und schmissiger, sein Inhalt aber derselbe ist. Mit dem Motto, man besuche diese Lokale ja nur aus Neugierde oder "rein wissenschaftlichem" Interesse, kommt man daher nicht weiter. Denn diese "Wissenschaftler" sollten längst die niederschmetternde Feststellung getroffen haben, daß hübsche Mädchen, die sich unter Scheinwerferbeleuchtung und schwüler Musik langsam auskleiden, zum Verwechseln ähnliche Körperformen aufweisen – in Hamburg, in Berlin, in Frankfurt, in Paris; über München kann ich mangels näherer Kenntnis nichts aussagen.