Von Otto F. Beer

Es ist nicht leicht, sich die geistige Unruhe vorzustellen, in der sich das japanische Inselreich heute befindet. Der verlorene Krieg hat einen jahrhundertelangen Glauben an die Unbesiegbarkeit erschüttert. Zwischen dem alten Glauben und den Angeboten amerikanischer Zivilisation einen eigenen Weg zu finden, scheint für den Fernen Osten nicht leicht. Im Reisebericht von

Fosco Maraini: "Nippon"; Atlantis Verlag, Zürich; 415 S., 85,– DM,

wird dieses Dilemma geschildert. Der Italiener, der vor dem Krieg in Japan gelebt hat und nun dahin zurückgekehrt ist, findet diese Unsicherheit überall in der Luft. So ergibt sich das seltsame Bild, daß eine stürmische industrielle und soziale Entwicklung hergebrachte Werte in Frage stellt, daß Japan an seiner eigenen geistigen Kraft zweifelt, während im Westen gerade diejenigen Seiten des japanischen Wesens erkannt und ernsthaft studiert werden, die uns als wertvolle Ergänzung unserer eigenen mechanisierten Welt erscheinen.

In mehreren Wellen hat die Kunst Japans den Westen erreicht. Der Holzschnitt der Ukiyoe-Schule, kulminierend in Hokusai und Hiroshige, hat die Impressionisten entscheidend beeinflußt. Die Tuschemalerei des Mittelalters, der Kamakura- und Muromachi-Periode, die uns heute als das Reifste an der bildenden Kunst des Inselreichs erscheint, wurde von dieser späten Produktion zeitweilig überschattet und wird erst heute im Abendland wirklich bekannt. Dieser Verbreitung stellte sich nicht zuletzt ein geistiges Hindernis in den Weg: die Kunst jener großen Epoche basiert auf der Philosophie des Zen, ist größtenteils sogar als Meditationsobjekt gedacht und erschließt sich nur schwer ohne Kenntnis der geistigen Grundlage.

Eine sehr verdienstvolle Publikation ist auch

Yukio Yashiro und Peter Swann: "Japanische Kunst"; Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München-Zürich; 177 S., 85,– DM.