T. K., Genf

Eine eidgenössische Feuerwehrkapelle spielt im Pavillon am See flotte Märsche, und wie ein weißer Gänsekiel steht die berühmte Fontäne neben dem Pont du Mont-Blanc. Eindrücke vom Rande der Konferenz, beiläufige Details sind immer noch interessanter als die Zusammenkunft selbst, die vielleicht, vielleicht einmal in den "Leitfäden durch die Geschichte", Oberstufe, stehen wird; denn auch am Anfang der vierten Woche noch treten beide Seiten auf der Stelle.

Der Boden der Nachrichten ist platt davon und trocken; allenfalls gedeiht hier und da das Unkraut des Gerüchts. Mehr als tausend Journalisten sind immer bereit, es zu begießen, und plötzlich haben die Delegationen es zwischen den Beinen, stolpern und dementieren. Ein Wort über die unglückliche Liebe zwischen Politikern und Journalisten bei internationalen Konferenzen ist vielleicht an der Zeit.

Der Wiener Kongreß zu Beginn des 19. Jahrhundert? – so problematisch seine Lösungen sein mochten – brachte doch immerhin Frieden auf einige Zeit und eine gewisse europäische Ordnung. Am besten hatten es dabei die Rundfunk-, Fernseh- und Bildreporter – es gab sie nicht. Zeitungen waren ebenfalls noch keine Weltmacht, so daß der Journalist als Figur – bis auf Ausnahmen wie Görres und Arndt – fast ganz fehlte.

Um so beherrschender waren damals auf dem Plan: die Damen. Kongresse tanzten. Die Diplomatie wurde wohl von den Frauen erfunden und behielt immer etwas Feminines. Sie waren allzeit fleißig und erfinderisch, diese Damen, im Arrangieren der rechten Gelegenheit für festliche wie für zwanglose Kontakte der streitenden Parteien.

Anders heute, anders hier zur Zeit in Genf. Keine Frauen – zahllose Journalisten (erfreuliche Ausnahme: die Frauen, die Journalisten sind). Keine Intimität – gigantische Publizität. Das allabendliche Wortgeräusch von sechs Pressekonferenzen drischt das leere Stroh aus dem Palais des Nations noch einmal kräftig aus in der Maison de la Presse.

Meine tausend Kollegen und ich – wir spielen hier, wenn man es nur einmal ernst und natürlich betrachtet – eine traurige, ja, eine bedenkliche Rolle. Nachrichten entstehen an der Bar des Pressehauses in einer Art Selbstentzündung, und Versionen von Nachrichten werden durch das künstlich hochgekitzelte Sensationsbedürfnis des Publikums der Massenpresse und des Rundfunks zur Selbstbefriedigung. Da gibt es an manchem Tage offensichtlich nichts Erregendes zu berichten; aber die Redaktion daheim wünscht die Schlagzeile aus Genf, und der Korrespondent haut in die Tasten.

Was dann am anderen Morgen neben dem café au lait der Politiker schwarz auf weiß und rot unterstrichen daliegt, das führt manchmal zu neuen Mißverständnissen, Spannungen, Kontroversen im Konferenzsaal. Es kann einem angst werden bei diesem Schauspiel – gerade wenn man von der Spree an den Lac Léman geeilt ist; denn für uns zu Hause hängt die Existenz – oder zumindest der friedliche Alltag – ganz unmittelbar von einer vernünftigen Verständigung der Partner ab. Das unscheinbare Samenkorn zu Übereinkünften wird zerrieben und in alle Winde verweht von einer unheimlichen Maschinerie des Geredes.