Nach den erregten Abenteuern mit immer neuen, einander überpurzelnden Linien haben nun auch die Berliner Modellkonfektionäre, getreu dem Pariser Vorbild, sich auf das weniger gefährliche, romantische Abenteuer mit der Farbe zurückgezogen. Bei der Berliner "Durchreise" für den kommenden Herbst und Winter waren keinerlei Überraschungen in "Linien" zu entdecken. Nichts, was die Frauen zwingen müßte, ihre Garderobe vom letzten Jahr umzuarbeiten und hektisch auf die ersten "neuen" Modelle in den Schaufenstern zu warten.

Die Taille, schmal, ohne eingeschnürt zu sein, wird auf die verschiedenste Weise betont: mit schmal (wie bei Oestergaard) oder breiter (bei Schröder & Eggeringhaus) eingesetzten Miederteilen; mit gerafften Gürteln aus weichem Leder; mit lose geschlungenen Stoffgürteln vor allem bei den Canadiennes, die nun wieder zum Complet gehören; auch Gürtel, die in der Taille ansetzen und sich rund, im Rücken etwas nach unten geschwungen, um die Hüften schmiegen, sind allen Häusern gemeinsam. Der begabte Uli Richter bot diese Lösung schon im vergangenen Sommer bei einigen seiner deux pièces an. Das Haus Gehringer verbreitert die Gürtel noch weiter nach unten – sanfte Erinnerung an die H-Linie.

Die großen, mit strahlenförmig auslaufenden Abnähern versehenen Pilzkragen, über denen die Köpfe der Mannequins wie Blüten schweben, lassen Hals und Nacken frei. Die breitblendigen Matrosenkragen ziehen sich bis zur Taille hinab; bei den Cocktailkleidern sind sie häufig abzuknöpfen. Aber nicht alle Kragen sind groß und "halsfern". Heinz Oestergaard, beispielsweise, ließ sich einige Stehkragen einfallen, die sehr chinesisch wirken. Bei Schwichtenberg schmiegen sich Nutria-, Ozelot- oder Nerzkrawatten unter den machmal überraschend langen Jacken der Tailleurs dicht an den Hals.

Zaghaft versuchen die Modeschöpfer, die Schultern zu verbreitern, ohne zu dicht an die rüstigen Militäreffekte der Kostüme aus den letzten Kriegsjahren zu geraten, die den Damen nach wie vor suspekt sind. So landen sie bei kurzen, überweiten Glockenärmeln, richtigen Puffärmeln oder dem klassischen Hemdblusenärmel, dessen Weite unten in eine Manschette zusammengefaßt wird. Einzig Heinz Oestergaards Mannequins marschieren in Tailleurs auf, deren steife gerade Schulterpartien eine dicke Polsterung verraten, die dem fließenden Stil, der alle Kollektionen beherrscht, wie ein plumper Klotz den Weg abschneidet.

Die Mäntel, fast immer Teil eines Ensembles, sind doppelseitig gearbeitet und farblich auf das dazugehörige Kleid abgestimmt. Neben die weiten Mäntel schieben sich vereinzelt sehr schmale, raffiniert karge Jünglings-Mäntel, vielfach nur sieben Achtel lang.

Das Chemisier-Kleid, nicht totzukriegen und allen Stilwandlungen anzupassen, gilt vom Morgen bis in die Nacht. Mit engem oder weitem Rock, ärmellos oder mit dem klassischen Dreiviertelärmel, durchplissiert mit geschlungenen, gerafften oder festen Gürteln, kragenlos oder unter riesigen Capes fast erstickend, in Wolle und Seide, Tweed oder Satin-Chiné, läßt es Empire und Sack und Trapez und Baby-Doll ermattet auf der Strecke.

Das alles ist nicht sonderlich neu oder aufregend. Das Abenteuer aber beginnt bei den Farben. Die Berliner Modellkonfektionäre haben Chagall entdeckt. Sie toben sich aus in Orgien von Blau, Violett und Grün. Die Konturen der Dessins sind, à la Chagalls, verwischt, die Farben so dicht ineinander versponnen, daß man keine klaren Grundtöne mehr erkennen kann. Das gibt den Imprimés, besonders auf seidigen Abendstoffen, etwas Romantisches; eine sanfte, melancholische Verzauberung, die sehr kostbar wirkt.

Aber nicht nur die Imprimés haben diesen Zauber. Auch die klaren Lace-Tweeds etwa, die Mohairs und die wunderschönen Veloursmäntel für den Abend schwelgen in gebrochenen Farbtönen, die bestechend wirken und denn auch mit schimmernden Namen etikettiert sind wie Aubergine, Marengo, Framboise, Somali oder Wacholder. Daneben hält sich Schwarzweiß, auch Anthrazit und reines, tiefes Schwarz. Und dann Violett in allen Schattierungen, von zart-welken Fliederfärben bis zu einem geradezu heulenden Violett bei Oestergaard, das selbst das färben- und formenprächtigste Mannequin schlichtweg erschlägt. Aber das ist eine Ausnahme. Im allgemeinen ist die Huldigung der Berliner Modellkonfektionäre für Marc Chagalls mystisch versponnene Farbenwelt sehr glücklich ausgefallen. Eva Stolze