Taipeh in diesen Tagen: Im Foyer des Friends of China Clubs, unweit des Amtssitzes Tschiang Kai-scheks und ganz in der Nähe des grauen zweistöckigen Gebäudes der MAAG (der Military Assistance and Advisory Group), nehmen die Gäste – wenn überhaupt – mit gelangweiltem Gesicht die neueste Mitteilung des Verteidigungsministeriums vom Tisch: Der rote Marschall Peng Teh-huai läßt wieder schießen...

"Na, wenn schon! Heute abend gibt Mr. Wing eine Party. Die Kaufleute Yeh-chu und Tsheng aus Manila werden dort sein, natürlich auch einige Freunde aus den Staaten. Man wird miteinander plaudern."

Die Gleichgültigkeit der Menschen in den eleganten, von Maßschneidern in Hongkong gefertigten Anzügen ist so auffällig, daß man sich fragen muß: Ist sie auch echt?

Auf Formosa hat man Sorgen. Und mögen die Menschen im "Klub der Freunde Chinas" noch so betont gelangweilt bei ihrem Whisky sitzen – die Atmosphäre in Taipeh ist schwül. Die alten Laster der Kuomintang, nämlich Korruption und Intrige, sollen zwar ausgerottet sein. Aber noch immer stehen persönliche Interessen bei vielen Angehörigen der führenden nationalchinesischen Schichten vornean. Kann Formosa das vertragen?

Im Anmelderaum der amerikanischen Beratergruppe greift ein GI aus den Staaten zur Bierkonserve. Er ist nicht gern in Taipeh – aber wer fragt danach? (Ob die Russen auf der anderen Seite der Formosa-Straße mit mehr Freude bei 35 Grad im Schatten ihre "Beratertätigkeit" ausüben,ist freilich auch nicht anzunehmen.) Drinnen, im Zimmer des Kommandierenden, geht General Wang Shuming, der Stabschef der nationalchinesischen Streitkräfte, zur großen Reliefkarte von Formosa. Die untergehende Sonne wirft ihren golden-rötlichen Schein in den Raum und verdrängt für Minuten die nüchterne Atmosphäre.

"Mao spricht mit Vorliebe vom Sprung nach Taiwan sagt General Wang. "Sie werden davon gehört haben. Vorerst aber sind seine Füße zu kurz, um nach Quemoy, Matsu oder auch nur nach Kaoten, knapp 2000 Meter vor seiner Küste, zu kommen. Er würde sich selbst dabei mit Sicherheit seine Beine brechen." Mit einem Stock zeigt Wang auf die kleinen Inseln vor der Haustür der Kommunisten.

Die gleiche Selbstsicherheit und Überlegenheit fand ich dann auf Kaoten selbst. Angesichts der nahen rotchinesischen Küste erklärte der Inselkommandant: "Wir rechnen stündlich mit einem Angriff der Kommunisten, denn wir sind Soldaten. Wäre ich Politiker, so würde ich sagen: Der Zeitpunkt ist zu früh. Marschall Peng wird nur angreifen, wenn er sicher sein kann, daß die Invasion auch glückt. Eine mißglückte Landung dagegen würde das Prestige der Leute in Peking schmälern. Den Nimbus von der Unbesiegbarkeit seiner Truppen kann Mao nicht aufs Spiel setzen; darum wird er warten."