Ob es wahr ist, daß Politik den Charakter verdirbt, das sollte man doch höflichkeitshalber in unserer politisch bewegten Zeit lieber nicht untersuchen. Daß aber Politik die Kunst verdirbt, darüber ist wohl kein Zweifel mehr möglich. Einen der eklatantesten Beweise dafür lieferte neuestens der Ostberliner Dichter Peter Hacks mit seiner Bearbeitung der "Kindsmörderin" des Sturm-und-Drang-Poeten Heinrich Leopold Wigner, deren letzte, klassenkämpferisch gewürzte Sentenzen bei der Erstaufführung in den Münchner Kammerspielen im Gelächter und im Pfeifkonzert des Publikums untergingen.

Das Thema der im Stich gelassenen "illegitimen" Mutter, die aus Scham und Verzweiflung, von des Ihrigen verstoßen, keinen anderen Ausweg findet als den Kindesmord, erfreute sich bei den anklägerischen Epikern und Dramatikern des ausgebenden 18. Jahrhunderts großer Beliebtheit.

Gewiß war diese nicht zufällig so bevorzugte Thematik am Vorabend der Französischen Revolution Symptom allgemeinen Erwachens eines sozialkritischen Gewissens, und bei dem schurkischen Verhalten der "diesbezüglichen" Verführer spielten – besonders deutlich in Bürgers Gedicht – Herrenwillkür und Standesvorurteile ein; entscheidende Rolle.

Wagners Schauspiel ist in diesem Punkt nicht einmal so politisch eingestellt; es führt das Unheil vielmehr, nicht gerade zum Vorteil der dramatischen Glaubwürdigkeit, auf eine Verkettung unglückseliger Verhinderungen und Verzögerungen zurück.

Und hier setzte der Bearbeiter seine grobschlächtig-tendenziöse Feder an. Aus dem Liebhaber Leutnant von Gröningseck macht er eine ungenießbare Mischung aus Tausendsassa, Waschlappen und Wetterfahne; die Schicksalsverknotung gab er dem Leutnant Hasenpoth in die Hand, einem ausgekochten Schuft im Stile des Schillerschen Wurms, aber noch viel gemeiner; und zur Abrundung des moralischen Schauergemäldes erfand er eine ganz moderne Konversationsszene mit dem tierisch dumm-brutalen Landbaron, von Kammer und seiner sexbombigen Tochter Odile, die ihren Reichtum und ihren attraktiven Körper partout an Gröningseck verschenken möchte.

Den aber zieht es im richtigen Moment vor lauter plötzlicher Tugend zu der verlassenen Metzgerstochter zurück. Und als er sein armseliges Evchen wiederfindet, geschieht es just ein paar Minuten nach dem Kindsmord, in Gegenwart der Polizisten, die sie dem Gericht entgegenführen, in Gegenwart aber auch des wackeren Hasenpoth.

Jetzt der wahrhaft frappierende Höhe- und Schlußpunkt der Peter Hackschen Gesellschaftskritik: Der satanische Freund gesteht nicht nur dem verdonnerten Allzuspätheimkehrer sein intrigantes Spiel mit gefälschten Absagebriefen an das unselige Mädchen – er klärt den Verdutzten auch noch darüber auf, daß er ihm mit diesem ganzen großen Haufen Unglück einen wahren Freundschaftsdienst erwiesen, ihn vor dem Absturz in die Netze unstandesgemäßer Verbindung mit egoistischer Untugend bewahrt habe, und – Herr Leutnant stecken den in erster Aufwallung gezogenen rächenden Degen schleunigst wieder ein und sinken dem Treuesten der treuen gerührt in die standesgemäßen Freundesarme...

Bis dahin waren die Zuschauer in Respekt gehalten gewesen durch Hans Schweikarts brillante Regie und vor allem Christa Kellers unnachahmlich lebenswahre Darstellung der psychologisch anspruchsvollen Hauptrolle. Jetzt aber löste das aufgeklebte politische Pamphlet Stürme der Heiterkeit und ärgerliche Proteste aus. Politik verdirbt, wie hier zu sehen, die Kunst. Man sollte sich’s merken. Walter Abendroth