Schwetzingen ohne König Hirsch

Von Johannes Jacobi

Im Schwetzinger Schloßpark war der Flieder diesmal schon abgeblüht. Die Besucher der preziösen Festspiele mußten sich mit dem köstlichen Spargel als kulinarischer Zugabe zur Kunst begnügen. Er wird in einem Gartensaal des rechten Zirkelbaues serviert und ist eine Spezialität Schwetzingens wie im selben Hause das Rokokotheater des Kurfürsten Carl Theodor.

"Stilecht" paßten dahinein die ersten diesjährigen Bühnendarbietungen: das Pastorale "Acis und Galatea" von Händel und ein in Deutschland bisher unbekannter Operneinakter "Die Sängerin" von Haydn. Beide Komponisten ließen sich leicht auf den Generalnenner der Schwetzinger Schloßarchitektur bringen und hatten heuer außerdem runde Kalenderjubiläen. Da der Mannheimer Opernregisseur Ernst Poettgen zeigte, was er als Rennert-Schüler an Künsten szenischer Stilisierung (Händel) und an spielerischer Turbulenz gelernt hat, mit der eine schwächliche, aber historisch interessante "komische Oper" zur komödiantischen Farce hochgetrieben werden kann (Haydn), war alles sehr festlich.

Eigentlich sollte in Schwetzingen jedoch Hans Werner Henzes jüngste Oper "König Hirsch" auf dem Spielplan stehen. Endlich sollte das Werk auch für Westdeutschland geboten werden, nachdem es in Berlin schon zweimal inszeniert worden ist. Die "westdeutsche Erstaufführung" fand auch pünktlich statt, aber nicht in Schwetzingen, sondern in der Darmstädter Orangerie. Das "Gastspiel" des Landestheaters Darmstadt in Schwetzingen scheiterte hauptsächlich am Orchester.

Das Mannheimer Nationaltheater hatte keinen Anstoß daran genommen, daß seine Händel-Haydn-Aufführung unter dem Mannheimer GMD Herbert Albert vom Orchester des für die Schwetzinger Festspiele "federführenden" Süddeutschen Rundfunks gespielt wurde. Genauso halten es in diesem Monat noch die Wuppertaler und die Essener Bühnen. Anders dagegen die Darmstädter: das Orchester machte prinzipielle Schwierigkeiten, obwohl es dabei sein wollte.

Das erinnert an einen anderen "Orchesterzwischenfall", der vor zwei Jahren nach einem früheren Mozart-Gastspiel der Westberliner Oper in Schwetzingen zu einem grundsätzlichen Prozeß gegen den Sender Freies Berlin, der eine Schwetzinger Aufführung übernahm, geführt hat. Das Landgericht Berlin räumte jedem der hundert Mitglieder des Berliner Orchesters ein Genehmigungs- und Verbotsrecht für Rundfunkaufnahmen und -Sendungen ein, für die das Orchester "eingesetzt" werden soll. Auch wenn ein Paukenschläger "vielleicht nicht mehr als ein ‚Bum‘ hervorbringt" – so formulierte neckisch das Berliner Landgericht am 8. Juli 1957 – der Paukenschlag ist gesetzlich geschützt, und zwar – man staune! – auf Grund des Urheber- und Persönlichkeitsrechtes.