Von Eka v.Merveldt

Alle Leute sagen, Lissabon sei eine schöne Weltstadt. Und wie das so geht, wenn man viel erwartet: Ich fürchtete enttäuscht zu werden. Aber es kam anders.

Da lag es: am Tejo ausgebreitet wie Venedig am Canale Grande; auf sieben Hügeln erbaut wie Rom; neuerdings von einer riesigen Christusfigur überragt wie Rio de Janeiro. Und demnächst, wenn die Pläne sich verwirklichen sollten, wird das andere Ufer des Flusses über eine gewaltige Brücke erreichbar sein – eine Brücke wie die Golden Gate Bridge in San Franzisko.

Mehr jedoch als mit den genannten Städten spüren die Einwohner Lissabons eine Verwandtschaft ihrer Stadt mit der weltoffenen Metropole der Franzosen, die allen Einwirkungen fremden Geistes zugetan ist und das Fremde doch assimiliert. Fängt man freilich mit Lissabonern ein Gespräch über Brecht, Osborne, Beckett oder Dürrenmatt an, über Picasso oder Alban Berg, so deuten ausweichende Antworten auf einen kulturellen Minderwertigkeitskomplex, der nun aber auch wieder, gemessen an dem allgemein-europäischen Kulturmalaise, dem Gesprächspartner viel zu groß erscheinen will. Die Portugiesen sind von der Außenwelt keineswegs hermetisch abgeschlossen. Aber an gewisse Neuerscheinungen des Auslandes heranzukommen, macht Mühe und kostet Geld. Man braucht Freunde, um sich zum Beispiel bestimmte Bücher schicken zu lassen – oder man muß reisen. Das ist wenigen Auserwählten vorbehalten.

In dem goldenen Rokoko-Theater St. Carlos herrscht das Althergebrachte. Als ein deutsches Ensemble mit Alban Bergs "Wozzeck" gastierte, waren viele ältere Besucher dieses schönen alten Logentheaters schockiert und befremdet. Aber die Jugend klatschte demonstrativ Beifall.

Ich erlebte dort nur die in keiner Weise ungewöhnliche Aufführung einer italienischen Oper. Fasziniert sah ich dem gesellschaftlichen Schauspiel zu, das sich nicht auf der Bühne, sondern in mehr als 120 Logen und in den Foyers abspielte. Großäugige südliche Schönheiten hatten ihre bezaubernden Auftritte, und das breitspurige Benehmen ihrer Begleiter ließ auf großen Reichtum schließen.

Die Königsloge war leer. Der Staatspräsident, für den sie jetzt reserviert ist, war nicht erschienen. Auf hartnäckige Fragen bedeutete mir mein portugiesischer Begleiter, daß seit dem überraschenden Ausgang der Präsidentenwahlen im vergangenen Sommer, bei denen für die liberale Opposition sehr viel mehr Stimmen als erwartet abgegeben worden waren, eine gewisse Unruhe im Land spürbar sei und daß eine Liberalisierung des kulturellen Lebens begonnen habe.