Wir sehen in den Kinos vor dem Hauptfilm wieder Kurzfilme. Daß dies zur guten Regel geworden ist – das gehört zu den mittelbaren Verdiensten der Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilm-Wochen. Ihre Anregungen und Einflüsse haben sich durchgesetzt. Nachdem nun die Veranstaltung selber zum internationalen Festival des Beiprogramms avanciert ist, wuchs das Schaumaterial wie eine Lawine an. 350 Filme aus 31 Nationen als Angebot für die achte Mannheimer "Woche", das war schon mehr Messe als Lehrschau.

Instruktiv wirkte eine Zusammenstellung Deutsche Filme 1959. Sie wurde als Repräsentativauswahl der SPIO gezeigt. Die Spitzenorganisation der deutschen Film Wirtschaft ist als Mitveran-, stalter neben die Stadt Mannheim getreten. Das Ergebnis war keine reine, aber doch eine große Freude: Es werden auch in Deutschland wieder Kulturfilme hergestellt, die man ansehen kann.

Der Zuschauer stellt fest, daß die deutsche Neigung zur Gründlichkeit nicht unsere schlechteste Nationaleigenschaft ist – besonders wenn ein wenig Humor als Würze drinsteckt. Das kommt tatsächlich vor...

Da fährt ein Taxichauffeur durch Hamburg, wie der Titel sagt: "Die ganze Stadt ist mein Revier" (Hamrun-Film). Wer den Begleittext nicht verstünde, dem böten sich allerdings nur bewegte Ansichten einer Stadt. Ein Exportartikel ist der Streifen also nicht ohne weiteres. Doch daß für Deutsche der "Kommentar" – ein Muster seiner Art – von dem Hamburger "Missingsch"-Dichter Dirks Paulun geschrieben und gesprochen war, das erhob ihn in den Rang des Filmfeuilletons.

Obwohl ohne Witz als Komponente, konnte ein anderer Bildbericht aus und über Hamburg bestehen: "Laterna Magica Hamburgensis" (Kurt Stordel-Film). Hier waren aus der Frühzeit der Standphotographie museale Daguerrotypien so aufschlußreich und durch Bildwechsel lebendig zusammengefügt worden, daß sich dem Zuschauer, ohne daß er gelangweilt wurde, zwei Dokumente vermittelten: photographische Leistungen – und die Hansestadt, wie sie aussah, bevor ein großer Brand ihr Antlitz veränderte.

Viermal war überraschenderweise Hamburg in dieser Repräsentativschau vertreten. Aus München kam dann "Nachtasyl". Eine Herberge der Obdachlosen wurde durch Gerd von Bonin so ungestellt, so erschreckend in der Wahrhaftigkeit von Weltstadtelend rund um einen vagabundierenden "Penner" photographiert, daß mit dieser sozialen Reportage ein idealer Dokumentarfilm entstand.

Unterhaltung und Information bilden die beiden Bestandteile des Kurzfilms. Die Kunst des Regisseurs ist deren Mischung. Dafür gibt es keine Regeln. Einmal darf die Belehrung überwiegen, und es kommt – führen Geschmack und Fingerspitzengefühl die Kamera – ein packender Bildbericht über die Berliner Freie Universität zustande ("Studenten in Berlin", Ifa-Frankfurt). Das andere Mal darf die Photographie realer Gegenstände mit Trickzeichnungen abwechseln, wie in dem Bericht über die Münchner 800-Jahr-Feier: "Eine Stadt feiert Geburtstag" (Gesellschaft für bildende Filme). Ein gezeichnetes Männchen, das den oft leidigen Sprechertext ersetzt, verbindet als lustige Person die Szenen. Besonderer Reiz des Films ist der optische Witz zwischen feierlichen Anlässen. Leider meinen manche Produzenten, sie könnten auf den dicken Zeigestock doch nicht verzichten. Darüber muß man sich wundern; ist doch jahre-, eigentlich jahrzehntelang von allen Einsichtigen immer wieder gegen die "Geisterstimme" des Kulturfilms gewettert und gewitzelt worden. Der Grund, warum sie nicht verschwindet, warum mit dummen aufdringlichen Worten gute Bilder gemordet werden, scheint in der Herstellungsart vieler Filme zu liegen. Da bringt ein Kameramann großartige Bilder von der "Totenküste", einem primitiven Fischerdorf an der spanischen Atlanticküste, nach Hause (Arcadia-Film, Neuß). Oder ein Kundiger hat für die Lebensgeschichte der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff Zeichnungen, Manuskripte und Milieuphotographien beigebracht. Damit daraus der Streifen "Das einsame Fräulein von Rüschhaus" werde, muß nun ein Text geschrieben und von einem möglichst billigen Sprecher gesprochen werden. Dieses Aufpropfen ergibt dann einen im üblen Sinn "bildenden" Film.