Nach einer Woche mit einem ungewöhnlich hitzigen Kursanstieg werden die meisten Aktionäre noch eingehender die Kurshöhe untersuchen. Die Mehrzahl der deutschen Standard-Werte notiert zur Zeit auf einem bisher noch nicht verzeichneten Niveau; es ist daher verständlich, wenn dieser und jener Anleger zögert und davor zurückschreckt, zu diesen Rekordkursen weiter zu kaufen. Noch überwiegt aber die Zahl derer, die unter dem Eindruck der Kursgewinne, die der Aktienbesitz in letzter Zeit brachte, weitere Aktien kaufen.

Für diese Optimisten spricht ein Vergleich der deutschen Aktienkurse mit den international bekannten Werten des Auslandes. Der Gedanke, die IG-Farben-Nachfolger stünden nunmehr "zu hoch", wird bestimmt verworfen werden, wenn der Kurs der schweizerischen CIBA-Aktien von rund 5700 Sfrs – das sind 1140 v. H. – bei einer Dividende von 18 v. H. zum Vergleich herangezogen wird. Auch wenn man die amerikanischen Aktienkurse denen der deutschen Standardwerte gegenüberstellt, ist immer noch ein Spielraum nach oben festzustellen.

Siemens & Halske-Aktien erfuhren Anfang dieser Woche eine kräftige Steigerung, da von vielen Börsenbeobachtern der Siemens-Kurs mit der Notierung der holländischen Philips’ Gloeillampen verglichen und der rund 200 Punkte niedrigere Kurs des deutschen Wertes hervorgehoben wurde. Beide Gesellschaften zahlten zuletzt 14 v. H. Dividende, Philips gewährte allerdings zusätzlich Gratisaktien im Verhältnis 5 : 1, jedoch ist es nicht ausgeschlossen, daß auch in Deutschland die Verteilung einer sogenannten "Stock-Dividende" üblich würde, wenn die "Kleine Aktienrechtsreform" verabschiedet werden wird.

In diesem Zusammenhang ist allerdings zu erwähnen, daß die zuständigen Ausschüsse im Bundestag die Beratung dieses ihnen bereits seit langem vorliegenden Gesetzesentwurfes noch einmal hinausgeschoben haben, so daß das Inkrafttreten noch länger auf sich warten lassen dürfte. Die Börse hat jedoch von dieser Nachricht kaum Notiz genommen, und auch die sogenannten "Gratisaktien-Anwärter" konnten von der allgemeinen Hausse der letzten Tage profitieren.

Käufer der deutschen Aktien waren nach wie vor ausländische – vor allem amerikanische – Anleger. Die auftragserteilenden New Yorker Bankiers betonen, daß es sich vor allem um Orders von Pensionsfonds und Investment-Gesellschaften handele und daß damit das spekulative Moment dieser Käufe relativ gering sei.

Die internationale Hausse-Tendenz hat sich bisher als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen. Von der Diskonterhöhung in den USA um 1/2 Prozent auf 3 1/2 v. H. (das ist der Spitzensatz der Nachkriegszeit) wurde an der Wallstreet und auf den anderen internationalen Märkten kaum Notiz genommen; der Dow-Jones-Index stieg vielmehr auf einen neuen Rekordstand. Die Aufwärtsbewegung wird, ausgehend von den USA, von einem allgemeinen Konjunkturoptimismus getragen, der für Amerika und auch für Europa mit einer anhaltenden Produktionserhöhung rechnet. Folgt man dieser Betrachtungsweise, so bieten die deutschen Aktien nach wie vor Entwicklungsmöglichkeiten, da es die deutschen Unternehmen in den letzten Jahren verstanden haben, die nationale und internationale Konjunktur gut zu nutzen.

Die Anleger haben heute praktisch zwischen zwei Aktienkategorien zu wählen. Zu der einen zählen die Elektrowerte, IG-Farben-Nachfolger sowie die Bankaktien. Trotz ihrer relativ hohen Kurse dürften sie bei einer anhaltenden konjunkturellen Aufwärtsentwicklung an der Spitze liegen und daher dem Aktionär größere Kurschancen bieten. Zu der anderen Kategorie zählen vor allem Montanwerte, die zwar in den letzten Tagen etwas nachziehen konnten, jedoch kursmäßig noch erheblich unter den Standardwerten der anderen Marktgebiete liegen. Eine Investition auf diesem Marktgebiet eröffnet sehr wahrscheinlich nicht so große Kurschancen, dafür sind aber Substanzwert und Rendite zumeist höher, Gesichtspunkte, die besonders bei rückläufiger Börsentendenz stützend wirken.