Washington, Ende Mai

Der 27. Mai hing schwül und schwer über Washington, als John Foster Dulles zu Grabe getragen wurde. Es war der erste heiße Tag des Jahres, und auf den Rasenhängen um die Kathedrale standen und lagerten sommerlich gekleidete Menschen, die gekommen waren, den Trauerzug zu sehen.

Es schien wie eine Ironie des Schicksals, daß der gefürchtete Tag des Berliner Ultimatums die am Problem beteiligten Politiker um den Sarg des verstummten Außenministers vereint hatte. Andrei Gromyko hatte bereits in den Reihen der Trauergäste Platz genommen, als Konrad Adenauer die Kathedrale von Washington betrat. Gefolgt von Außenminister Brentano schritt er langsam durch das hohe, neugotische Seitenschiff, hielt einen Augenblick vor dem flaggengeschmückten Sarg inne und neigte den Kopf zum Gruß, ehe er seinen Platz hinter Australiens Premierminister Robert Menzies und Madame Tschiang Kaischek einnahm. Die Geste galt dem Altar und schien doch gleichzeitig wie ein letzter persönlicher Dank an einen Mann, der durch so viele Jahre hindurch mitbestimmend an Deutschlands Schicksal gewirkt hatte. Das bleiche Gesicht des deutschen Bundeskanzlers während der Feier verriet, daß seine Anwesenheit mehr als eine offizielle Funktion für ihn bedeutete; seine Tränen beim Verlassen der Kirche zeigten, daß ihm der Abschied von John Foster Dulles persönlich nahe ging.

Getreu dem Rituell der presbyterianischen Kirche war es eine nüchterne Trauerfeier. Einzig ein Zitat aus der Urkunde zur Friedensmedaille, die Präsident Eisenhower seinem sterbenden Außenminister noch in den letzten Wochen verliehen hatte, und ein langes Schlußgebet nahmen persönlichen Bezug auf den toten Secretary of State. Er hatte es selbst so gewollt. Unter den vielen Trauernden, die seinem Sarg folgten, hatten vermutlich nur wenige John Foster Dulles geliebt. Aber selbst seine ärgsten Kritiker hatten ihn respektiert. Was mochte Andrei Gromyko beim Anblick der vielen Menschen denken, die Washingtons sommerliche Straßen säumten, auf den Brücken saßen, am Lincoln Memorial standen, um von John Foster Dulles Abschied zu nehmen? Niemand hatte sie dahin bestellt, und weit und breit war kein Polizist zu sehen, der die Menge in Ordnung hielt. Schweigend und ehrfürchtig standen sie und sahen den endlosen Zug vorbeigleiten. Ein Teil Neugier, ein Teil Sensationslust, aber auch vielleicht ein Teil schweigendes Einverständnis mit der Politik eines Außenministers, der wie kein anderer jemals zuvor kritisiert worden war.

Der Tod des Secretary of State hat sich auf die amerikanische Außenpolitik in recht unerwarteter Weise ausgewirkt. Die öffentliche Meinung ist in zunehmendem Maße auf seiner Seite und auf der Seite derer, die seine standhafte Politik in bezug auf Berlin und die deutsche Wiedervereinigung unterstützten. Sie ist selbst auf Gegner dieser Politik im Senat und anderswo nicht ohne Wirkung geblieben. Die unmittelbare Konsequenz ist, daß die amerikanischen Unterhändler in Genf ungehindert einen zähen Kurs verfolgen können, wenn sie das wollen, ohne befürchten zu müssen, daß sie sich dadurch zu Hause unbeliebt machen.

So nüchtern die Stimmung in der Kathedrale gewesen war, so ergreifend war die Beisetzungsfeier in Arlington. Von sechs weißen Pferden gezogen, bewegte sich die Lafette mit dem Sarg die grünen Hügel des Heldenfriedhofs hinauf. Lautlos folgte der endlose Zug schwarzer Limousinen. Zu beiden Seiten des Weges schimmerten die Reihen weißer Grabsteine unter hohen alten Bäumen. Den Begräbnisplatz auf einem Hügel markierte ein bunter Blumenteppich. Soldaten aller Waffengattungen waren zur Parade angetreten. Ehrfürchtig, die rechte Hand auf dem Herzen, stind die Menge, als das "Hail the Chief" erklang. Vom nahegelegenen Fort Myers rollten die 19 Kanonenschüsse des Ehrensaluts. Auf dem sonnenverbrannten Gesicht Dwight D. Eisenhowers lagen Schmerz und etwas wie grimmige Entschlossenheit.

Andrei Gromyko verfolgte die Szene mit Adleraugen, bemüht, sich kein Detail entgehen zu lassen. Etwas abseits stand Christian Herter, Trauer in dem klaren, gutgeschnittenen Gesicht – der neue Mann mit der alten Last auf den Schultern.

Eine Batterie von Fernsehkameras und Tonfilmgeräten war diskret bei der altenGruft aufgebaut, um Washingtons Begräbnis von John Foster Dulles für die Nachwelt zu registrieren. Von einem grünen ~~~ ~~~ der schattigen Bäumen schaut ~~~ ~~~ herunter auf die Hauptstadt Washington. Ein kleines Metallschild besagt "Platz 31 – John Foster Dulles, 27. Mai 1959." ~~~~ Armstrong