J. K. Paris, Anfang Juni

In den letzten Wochen sind in verschiedenen öffentlichen und halböffentlichen Betrieben Frankreichs mit beträchtlichem Stimmaufwand Streiks angekündigt worden, die entweder kurz vorher wieder abgeblasen wurden oder infolge der Uneinigkeit unter den Gewerkschaften nur von einem geringen Teil der Arbeiterschaft befolgt wurden. Andere Streiks verliefen mangels rechtzeitiger Bereitstellung von Mitteln im Sande und verursachten keinerlei größere Störungen. Daraus ist zu schließen, daß ein Malaise, insbesondere in den staatlichen Betrieben, besteht, daß aber das Klima für größere Streikbewegungen im Augenblick noch recht ungünstig ist. Streikparolen zünden nicht, weil die Masse der Lohn- und Gehaltsempfänger geneigt ist, die weitere Entwicklung des eingeleiteten Sanierungs-Experimentes abzuwarten, zumal dieses Experiment bereits zu einer gewissen Stabilisierung der Preise geführt hat.

Daß die Streiks fast ausschließlich im öffentlichen Sektor ausbrachen, ist darauf zurückzuführen, daß die Löhne in diesem Sektor in der frischfröhlichen Zeit der Wirtschaftsexpansion und der Inflation nicht die gleiche starke Aufwärtsbewegung wie in den privaten Industriezweigen mitmachten, daß in jenen Jahren Versprechungen gemacht wurden, die nie gehalten wurden und die Lohn- und Gehaltsempfänger der staatlichen Betriebe und Verwaltungen heute tatsächlich stärker unter den Auswirkungen der Sanierungspolitik zu leiden haben, als die Angehörigen der meisten anderen Wirtschaftszweige. Der Regierung sind zur Beseitigung derartiger Ungleichheiten insofern die Hände gebunden, als die Lohngestaltung im öffentlichen und halböffentlichen Sektor verschachtelt ist, teils durch geschriebene, teils durch ungeschriebene Gesetze, da eine Lohnaufbesserung für eine Kategorie von Arbeitnehmern einen ganzen Rattenschwanz von Forderungen anderer Kategorien auslösen würde. In der Privatindustrie, die von größeren Streikbewegungen seit Jahren verschont blieb, konnte das Lohnproblem insofern geschmeidiger konnte delt werden, als ein gesetzlicher Lohnstopp nicht besteht und die Arbeitgeber bisher dieses Problem um des Arbeitsfriedens willen – und weil sie die zusätzlichen Lohnkosten auf die Preise abwälzen konnten – großzügig zu lösen pflegten.

Der Führer der französischen Arbeitgeberverbände, Georges Villiers, hat dieser Tage folgende Richtlinien für eine ausgeglichene Wirtschaftspolitik aufgestellt: Bei einer jährlichen Produktivitätssteigerung um 5 bis 6 v. H. darf die Lohnsteigerung 22 v. H. nicht übersteigen; der Rest muß zur Niederhaltung der Preise und zur Erhöhung der Investitionen verwendet werden. Premierminister Debré hat sich noch deutlicher ausgedrückt; er betonte, daß die Wirtschaft Lohnerhöhungen durchaus gewähren kann, wenn dadurch die Preise keine Erhöhung erfahren.

Finanzminister Pinay ist von Arbeitnehmern in der letzten Zeit öfters der Vorwurf gemacht worden, daß er die zu Lohnerhöhungen geneigten Arbeitgeber unter Druck gesetzt und sie sogar durch die Liberalisierung der Einfuhr der sie interessierenden Produkte "bestraft" habe. Aber in vielen Fällen haben die Arbeitgeber entweder vorsorglich Preiserhöhungen vorgenommen oder sie ins Auge gefaßt. Manche Unternehmer haben tatsächlich immer noch nicht begriffen, daß unter den veränderten Verhältnissen Lohnzugeständnisse wirklich nicht als eine soziale Tat betrachtet werden können. Die Regierung will durchsetzen, daß das Lohnproblem von der Preisseite her gelöst wird. Die Gewerkschaften waren bisher geneigt, dieses Problem unter dem gleichen Gesichtspunkt zu sehen – aber die französische Wirtschaft ist an längeres Ausharren in wirtschaftlicher Austerity nicht gewöhnt.