Trotz der in den letzten Tagen eingetretenen, von den meisten Börsenfachleuten jedoch als vorübergehend erachteten Erholung, liegen die Obligationskurse an der amerikanischen Börse nach wie vor auf dem tiefsten Stand der letzten 25 Jahre. Die entsprechend hohe Rendite überschreitet zur Zeit den durchschnittlichen Ertrag der Aktien um ein volles Drittel; während Aktien etwa 3 v. H. abwerfen, beträgt der Ertrag auf langfristige Staatsanleihen (mit einer Laufzeit von vier und mehr Jahren) gegen die 4 v. H. und der Ertrag auf erstklassige Industrieobligationen sogar 5 und mehr v. H. Selbst kurzfristige Schatzanweisungen mit einer Laufzeit von nur drei Monaten weisen eine Rendite von rund 3 v. H. auf!

Dennoch ist die Bereitschaft der Investoren, Obligationen zu kaufen, gering. Verschiedene Gründe sprechen dafür:

1. Aktien werden, trotz ihrer zur Zeit bescheidenen Rendite, weiterhin den Obligationen vorgezogen. Die rasch fortschreitende konjunkturelle Erholung und die kräftige Erhöhung der Unternehmensgewinne im Laufe des letzten Halbjahres deuten auf eine baldige Besserung des Aktienertrages hin. Das gegenwärtige "Mißverhältnis" zwischen Aktien- und Obligationenrendite wird denn auch von der Mehrzahl der Investoren als typische Nachwirkung der abklingenden Rezession (und daher als bald vorübergehendes Phänomen) betrachtet.

2. Die in jeder wirtschaftspolitischen Debatte geäußerte und von der Wirtschaftspresse immer wieder geschürte Angst vor einer Inflation ist nun allmählich in das Bewußtsein breiter Bevölkerungsschichten eingedrungen. Das Wiederanziehen der Preise während der letzten Monate wird als Anzeichen für einen erneuten Durchbruch der inflationären Kräfte angesehen.

Nun ist bekanntlich die Bereitschaft des Publikums, festverzinsliche Papiere zu erwerben, in Zeiten steigender Preise (oder auch nur antizipierter Preissteigerungen) sehr gering. Die meisten Investoren – bemerkte kürzlich ein bekannter Börsenfachmann – sind heute der festen Ansicht, daß, wenn sie Obligationen kaufen, ihr Kapitaleinkommen nicht nur durch die übliche Ertragssteuer, sondern auch noch durch eine weitere "sekundäre" Steuer belastet wird, die sich in der unaufhaltsam fortschreitenden Unterhöhlung der Kaufkraft des Dollar äußert; und wer kauft schon Titel, von denen er überzeugt ist, daß sie ihm schon morgen einen (realen) Verlust einbringen werden?

3. Ein spekulatives Moment spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine gewisse Rolle. Man rechnet nämlich in den Staaten mit einer allgemeinen Steigerung der Zinsen. Viele Investoren warten daher mit dem Kauf von Obligationen ab, bis diese zu noch günstigeren Zinsbedingungen offeriert werden.

Der gewaltige Finanzbedarf des Staates (und zwar nicht nur der Zentralregierung, sondern auch der regionalen und lokalen Behörden) und der im Zuge des konjunkturellen Aufschwunges rasch steigende Kapitalbedarf der Privatwirtschaft werden als wesentliche Gründe für die bevorstehende Hebung des allgemeinen Zinsniveaus angesehen. Tatsächlich wird dem zur Zeit in beträchtlichen Finanzierungsschwierigkeiten steckender Staat nichts anderes übrigbleiben, als die Obligationenzinsen heraufzusetzen, um die dringend benötigten Mittel zur Abdeckung der laufenden Defizite und zur Zurückzahlung der fällig werdenden Staatsschulden aufzubringen. So wird es aller Voraussicht nach sogar zu einer Revision des über 40 Jahre alten "Second Liberty Bond Act" von 1917 kommen, der die Zinslimite für Staatsobligationen mit einer Laufzeit von fünf und mehr Jahren auf 4 1/4 v. H. festlegt. F. K.