Wenn man einer Wohnung den Plattenspieler von außen ansehen könnte, wäre alles viel einfacher. Man könnte dann immer noch rasch das Weite suchen. Leider wirken Plattenspielerwohnungen von außen ganz harmlos und unverfänglich. Fallen haben das so an sich. Immerhin kann man heute schon bei neunundvierzig von fünfzig Wohnungen durchaus vermuten, daß sie einen Plattenspieler beherbergen. In der fünfzigsten hat man ihn gerade in Reparatur gegeben – aber wer hat schon das Glück, just dort eingeladen zu werden?

Der angenehmste Raum in jeder Wohnung ist für mich die Diele. Hier kann ich mich nämlich immer noch der etwas verzweifelten Hoffnung hingeben, daß sich meine Gastgeber bisher keinen Plattenspieler angeschafft haben. Auf ungeschulte Augen macht allerdings auch das Wohnzimmer zumeist einen recht ungefährlichen Eindruck. Um die spätere Schockwirkung zu verstärken, pflegen nämlich die Besitzer von Plattenspielern ihre Apparate möglichst unauffällig aufzustellen. Mit Waffen wie Schallplatten geht man sorgsam um; nichts bleibt dem Zufall überlassen, jede Möglichkeit zur Flucht muß dem Gast verstellt werden.

Wer wie ich einige Übung im Umgang mit Platten und ihren Spielern hat, der läßt sich so leicht nicht hinters Licht führen. Dem genügt schon ein einziger prüfender Rundblick von der Zimmertür aus – und er weiß sogleich, was ihm wieder einmal bevorsteht. Und er weiß auch, daß sein Geschick unabwendbar ist. Besitzer von Schallplatten daran zu hindern, diese ihren Gästen vorzuspielen, ist so gut wie unmöglich. Wer von uns hat schon so viel Einfluß auf das Elektrizitätswerk, um eine zeitweilige Stromsperre zu erwirken? Und was würde selbst das nützen, wenn der Apparat durch Batterien gespeist wird? Von Gewalttaten halte ich auch sehr wenig – also etwa davon, bei jedem Besuch eine kleine Sprengkapsel mitzuführen und sie im geeigneten Moment – also wenn die Nadel ihren Lauf durch die erste Hi-Fi Rille genommen hat – gegen den Tonabnehmer zu schleudern. Wer von uns ist nicht einsam? Wer von uns braucht nicht Freunde – zumindest gelegentlich?

Nein, zu verhindern ist hier gar nichts, höchstens zu verzögern. Immerhin ist es ja denkbar, daß man seine Gastgeber in der Absicht aufgesucht hat, sich mit ihnen zu unterhalten, etwas mit ihnen durchzusprechen. Immer heraus damit! Viel Zeit dazu wird einem nämlich nicht gelassen – genaugenommen und nach den neuesten Untersuchungen: fünfundsiebenzig bis neunzig Minuten. Die gilt es zu nutzen, danach ist Hopfen und Malz verloren. An den unruhigen Blicken, an den zerfahrenen Gesten der Gastgeber kann man dann schon ablesen, wie es sie in den Fingern juckt, uns mit ihren andalusischen Flammengos, Rotarmisten-Chören, mit Lotte Lenia, Eartha Kitt, mit Kreisler, Qualtinger und der Callas, mit blinden Negerpianisten aus dem Jahre 1910 den Nerv zu töten.

Nur unter schier unsäglichen Opfern – indem man sich etwa über die Fortschritte der Gastgeber-Kinder in der Schule oder über die letzte Griechenlandfahrt berichten läßt – kann man mitunter den Zeitpunkt, da man sich in das Unvermeidliche zu schicken hat, noch weiter hinausschieben. Minute für Minute muß hier in hartem Kampfe abgerungen werden – bis endlich jener verhängnisvolle Augenblick gekommen ist, da der Gastgeber (während er schon die erste Langspielplatte in der Hand wiegt) die peinliche Frage stellt, was man denn nun besonders gern hören möchte.

Am liebsten gar nichts – aber wer spricht das schon aus? Allerdings ist diese Frage auch nur rhetorisch gemeint. In Wirklichkeit ist es ihm völlig schnuppe, was wir hören wollen. Was gespielt wird, entscheidet ja doch er allein.

Dabei ist den Platten-Spielern ein gewisses Feingefühl nicht abzusprechen. Kaum einer versäumt es, sich durch gelegentliche Zwischenfragen – "Und wie wäre es jetzt noch mit dem Wohltemperierten Klavier?" – die Zustimmung seiner Gäste zu weiteren Plattentaten einzuholen. Auch Diktatoren haben ja bekanntlich den seltsamen Hang, sich ihre Herrschaft von Zeit zu Zeit durch Wahlen bestätigen zu lassen.