Von Erwin Topf

Das früh einsetzende vorsommerliche Wetter hat überall in den deutschen Badeorten der Saison zeitiger als sonst Auftrieb gegeben; so auch in Bad Tölz. Derart hatte die Agrarsoziale Gesellschaft (ASG) beinahe Mühe, die rund 400 Gäste ihrer Frühjahrstagung unterzubringen. Anlaß zu diesem starken Besuch war das Hauptthema: nämlich die agrarstrukturellen Aspekte der EWG – und nicht minder wohl auch die Auswahl der rednerischen Prominenz, mit dem ehemaligen niederländischen Landwirtschaftsminister Dr. S. L. Mansholt an der Spitze, der heute in Brüssel als Vizepräsident der EWG amtiert. Ergänzend zu Mansholt sprachen der ehemalige Direktor für Landwirtschaft und Ernährung in der OEEC, L. G. Rabot (Paris), jetzt bei der EWG Generaldirektor für den gleichen Bereich, sowie der niederländische Professor Hofstee (Wageningen).

Nach dem, was in den Hauptreferaten vor der Agrarsozialen Gesellschaft und ergänzend dazu gesagt wurde, wissen wir nun ziemlich genau, wie die Agrarmärkte im EWG-Bereich geordnet werden sollen. Zunächst bei Getreide: hier ist die Sache so gedacht, daß einheitliche Preise gelten sollen, mit ungefähr den Frachtkosten entsprechenden Abschlägen für die abseits von den Verbraucherzentren liegenden Produktionsgebiete. Wegen der Preishöhe will man sich nicht gleich zu Anfang festlegen, sondern sich während des sechsjährigen Übergangszeitraumes unter Beobachtung des Verhaltens der Erzeugerbetriebe "an den erforderlichen Stand herantasten".

Dabei besteht offensichtlich in Brüssel die Überzeugung, daß eine stärkere Differenzierung zwischen Brot- und Futtergetreidepreisen anzustreben sei. als sie bisher beispielsweise in der Bundesrepublik galt, vor allem auch, um die auf Futterzukauf angewiesenen kleineren und mittleren Veredelungsbetriebe kostenmäßig zu entlasten und um den Getreideüberschußländern wenigstens gewisse Exportmöglichkeiten ins EWG-Gebiet offen zu halten.

Analog wie beim Getreide ist auch beim Zucker an eine einheitliche Marktordnung gedacht: also Einfuhrkontingente, "Heraufschleusen" der Preise für Importe, vielleicht auch durch Wiederaufnahme des Einfuhrscheinsystems. Für Milch und Milchprodukte soll eine Koordinierung der nationalen Regelungen vorgenommen werden, und und entsprechend auch für Vieh, Fleisch, Fette und Eier. Im übrigen glaubt man, mit einer Koordinierung der Wettbewerbsordnungen auskommen zu können.

Was die Ergänzung der EWG durch ein Abkommen im weiteren Rahmen anbelangt, so deutete Mansholt an, daß man dem interessierten Ausland durch spezielle vertragliche Abmachungen werde entgegenkommen können: beispielsweise so, daß die bisher in die Länder der EWG importierten Lebensmittelmengen für die Dauer von vier Jahren als Einfuhrkontingente festzulegen seien. Die britische Lösung in ihrer ursprünglichen Form – Freihandelszone ohne Agrarprodukte – sei endgültig ad acta gelegt.

An der im EWG-Vertrag vorgesehenen Assoziierung der überseeischen Gebiete der Vertragspartner werde sich nichts ändern; alle Ideen, daß hier noch eine Revision der Bestimmungen möglich sein werde, seien illusionär.