Ein Wort, das in Büchern oder Zeitungen noch vor einem Jahrzehnt nur sehr selten auftauchte – es ist jetzt zum festen Bestandteil unseres alltäglichen Sprachschatzes geworden: Raketen. Niemand, der nicht wüßte, welch große Bedeutung diese Produkte technischer Phantasie für unser aller Leben gewonnen haben; kaum jemand aber, der weiß, was es mit diesen Raketen tatsächlich auf sich hat.

Gewiß, seit Jahr und Tag sind viele, viele Schilderungen über die Geschichte der Raketenforschung erschienen, und es hat an aufregenden Reportagen über gelungene oder auch mißglückte Raketenstarts nicht gefehlt. Gefehlt aber hat es bisher an einer präzisen und für den Laien doch verständlichen Beschreibung der technischen Zusammenhänge, die kennen muß, wer vom Geheimnis der Rakete mehr wissen will als die simple, so häufig beschriebene Tatsache, daß da ein bleistiftförmiges Ungetüm mit einem Schweif aus Qualm und Feuer in den Äther aufsteigt. Diese fachkundige Darstellung hat jetzt ein erfahrener Wissenschaftler vorgelegt:

Helmut Gröttrup: "über Raketen"; Verlag Ullstein, Berlin – Frankfurt – Wien; 244 5., 16,50 DM.

Gröttrup war schon dabei, als im Jahre 1942 die erste V 2 vom Versuchsgelände in Peenemünde aufstieg. Er war damals Assistent des Direktors der Steuerungsabteilung und hatte einige der Bord- und Bodengeräte der V2 selbst entworfen. Im Oktober 1946 wurde er mit Frau und Kindern in die Sowjetunion deportiert, wo er zunächst in der Nähe von Moskau und dann sechs Jahre lang auf der einsamen Insel Gorodomlja in einem großen Seengebiet der Wolgaquellen an sowjetischen Raketenprojekten mitarbeitete und mit allen Gebieten der Raketenforschung eng vertraut wurde. Erst im Jahre 1953 kehrte er nach Deutschland zurück.

Dieser Mann also, der viele Jahre lang der eingeschworenen und besessenen Gilde der Raketenforscher angehört hat, gibt nun in seinem Buch dem Leser einen Abriß der Grundlagen und der technischen Möglichkeiten dieses seines Fachgebietes. Er verzichtet dabei auf alle Sensationshascherei, und er liefert auch keine Raketenbiographie von der Art, wie man sie in letzter Zeit immer häufiger zu lesen bekommt. Hier schreibt ein nüchterner Wissenschaftler, dem es allerdings gelingt, in plastischer Sprache und mit sehr anschaulichen Beispielen dem Laien die verwickelten technischen Probleme plausibel zu machen.

Mein Physikunterricht liegt wirklich schon eine Weile zurück, und mein technisch-mathematisches Verständnis hält sich in durchschnittlichen Grenzen. Aber seit ich dieses Buch gelesen habe, weiß ich immerhin, was ich mir vorstellen soll, wenn ich auf Begriffe stoße wie: Triebwerk, Zielsuchgerät, Kurskreisel, Kommandoübertragung, Steuerung oder Peilverfahren, und ich weiß nun wenigstens so ungefähr, wieso eine Rakete, wenn sie sich in Cap Canaveral oder sonstwo auf der Welt von ihrer Abschußrampe löst, ihre vorbestimmte Bahn einhalten kann. Und ich weiß nun auch, was ich vorher nur ahnte: Wie verflixt kompliziert diese ganze Raketenschießerei ist. H. G.