Von Theo Sommer

Spain is different – der Satz leuchtete von dem traumkolorierten Plakat, das da am Flughafengebäude von Valencia hing: Spanien ist anders. Er wirkte ziemlich ironisch. Spanien war ganz gewiß anders, als es sich die sonnenhungrigen Reisenden aus Düsseldorf und Plettenberg, aus Wuppertal und Ludwigshafen vorgestellt hatten. Es regnete nämlich mit subtropischer Gewalt, und der Himmel war grauer noch als die DC-4, unter deren Tragfläche der Reiseleiter von Dr. Tigges seine Schäfchen sammelte, ehe sie sich in schnellen Sprüngen zur Zollabfertigung vorarbeiteten. Regen in Spanien?

Die aus Düsseldorf und Plettenberg, aus Wuppertal und Ludwigshafen blickten enttäuscht drein. Deswegen waren sie schließlich nicht an die "paradiesische Orangenküste" geflogen, fünfzehn Tage für 587 Mark. Wenn’s nun so bleiben sollte? Der Tigges-Mann versicherte, es werde keineswegs so bleiben. Aber der Himmel war zu grau für Optimismus. Die Witzeleien klangen gequält an der Zolltheke. Nur der Kontrolleur schien guter Stimmung: Er durchwühlte in zielloser Beflissenheit genüßlich die Unterwäsche der Ankömmlinge. Die meisten Ankömmlinge waren Damen ...

Auch die vierstündige Busfahrt nach Süden hob die Stimmung der Reisegesellschaft nicht. Zwei Stunden lang führte die holprige Straße durch endlose Reisfelder, die im Regen noch nasser glänzten als sonst – und von Silvana Mangano nirgends auch nur eine Spur. Dann zerklüftete Berge, steilansteigende Terrassen, Wein, Oliven, Orangenpflanzungen. Herrlicher Ausblick auf den Penon de Ifach, eine Bucht schöner als die andere; Altea, schließlich Benidorm – aber immer noch Regen. Einziger Trost am Abend: Die Bar des Hotels war vorzüglich. Und billig obendrein.

Doch schon am nächsten Morgen strahlten sie – der Reiseleiter und die Reisegeführten und vor allem: die Sonne. Spanien zeigte sich ganz spanisch, ganz in Traumkolor. Die Hoteldirektoren rieben sich vergnügt die Hände, im La Paloma zu Benidorm‚ im Fanals von Lloret de Mar und im Bellacosta an der Cala Major auf Mallorca. "Es war zwar regenreicher als normal, dieses Frühjahr", sagten sie, "doch das bißchen Regen hält ja nie lange an. Ganz à la My Fair Lady: The rain in Spain stays mainly in the piain. Spanien ist anders, wissen Sie?"

Ganz schlimm wird das Wetter dort zur Reisezeit kaum: Das ist der Grund, weshalb immer mehr Fremde ihre Ferien zwischen San Sebastian und Sevilla verbringen. Im letzten Jahr sollen es insgesamt 2,7 Millionen gewesen sein. An erster Stelle standen dabei – mit einem Drittel – die Franzosen, doch ist in ihrem Kontingent der rege kleine Grenzverkehr mit eingeschlossen. Der Löwenanteil der wirklichen Touristen entfällt daher noch immer auf die Briten, die ja überhaupt Spanien für den Fremdenverkehr entdeckt haben und die 1958 rund 23 v. H. der Fremden stellten. Gleich hinter ihnen rangieren freilich seit einigen Jahren die Deutschen: aus der Bundesrepublik kamen rund 300 000 Spanienreisende.

Gewiß, die Affäre Krukenberg hat dem Spanienreisegeschäft vorübergehend geschadet. Aber nach und nach glätten sich die Wogen wieder, und zugleich registrieren die Reisebüros neue Interessenten für Spanienreisen: jene anderen nämlich, die bisher der Papierkrieg abgeschreckt hat. Jetzt, da Madrid den Visumzwang für Deutsche aufgehoben hat, ist das alles einfacher geworden. Bei der Einreise wird ein kleines Formular ausgefüllt, bei der Ausreise wieder eines – damit hat sichs. Reisepaß genügt für Spanien seit dem 1. Mai.