R. N., London, im Juni

550 Delegierte aus 15 NATO-Ländern haben sich während der vergangenen sechs Tage in London um neue Erkenntnisse über Sinn und Inhalt des Atlantik-Pakts bemüht. Als Diskussionsforum parlamentarischer und anderer Persönlichkeiten hat der "Atlantik-Kongreß" zwar keine dramatische Initiative entfalten können, aber wenigstens dazu beigetragen, die Aufgabe des Bündnisses über den Kreis der "Professionellen" hinaus zu klären.

Von den fünf Hauptausschüssen des Kongresses diskutierte einer die wirtschaftlichen Frager. Chairman war BDI-Präsident Fritz Berg; von der vier Unterausschüssen beschäftigte sich der zweite unter dem früheren Euratom-Präsidenten Armand mit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, während der dritte die EWG und einen britischen Freihandelszonen-Vorschlag diskutierte.

In ihm war die von Professor Burgbacher angeführte und rund 60 Teilnehmer zählende deutsche Delegation allein schon deshalb massiv verreten, weil sie sich weitaus stärker als andere nationale Delegationen (fast zur Hälfte) auf Vertreter der Wirtschaft stützte. Aufgefallen ist an der deutschen Delegation vor allem, daß sich wecer die SPD noch die Gewerkschaften beteiligt haben, während auf britischer Seite das Labour-Element ausgesprochen stark vertreten war.

Der Hauptausschuß "freie Welt" beschäftigte sich mit der Hilfeleistung an die zwischen den Machtblöcken stehenden neutralen, unterentwickelten Länder Asiens und Afrikas. Hatte man sich im Integrations-Komitee überwiegend für die Schaffung eines den neuen, den ganzen OEEC-Bereich umfassenden Freihandels-Raumes ausgesprochen, so neigte man hier zur traditionellen Meinung, daß die NATO-Partner finanzielle und technische Hilfe entsprechend der bisherigen über Weltbank und UN-Agenturen leiten sollten.

Der Hauptausschuß "Ostblock" befaßte sich unter anderem mit der Schätzung der Wirtschaftskraft der kommunistischen Welt. Ein von der Federation of British Industries ausgearbeitetes Referat gab zu bedenken, daß der Westen sich über die nächsten 10 Jahre hinweg mit einem stetigen Schwinden seiner gegenwärtigen industriellen Überlegenheit werde abfinden müssen, daß ferner Rußland und China bald in der Lage sein dürften, einen eigentlichen Wirtschaftskrieg zu entfesseln.

Angeregt wurde deshalb die Schaffung eines NATO-Wirtschaftsrates, dem es obliegen solle, durch die Koordinierung der Osthandelspolitik seiner Mitgliedländer Gefahren abzuwehren,