Von Johannes Jacobi

Kindern unter sechs Jahren ist in Westdeutschland seit dem 1. Oktober 1957 jeglicher Kinobesuch verboten. Das scheint eine vernünftige Maßnahme des Jugendschutzgesetzes zu sein. Psychologen und Pädagogen stimmen grundsätzlich in dem Wunsche überein: Besser wäre es, wenn Kinder möglichst lange, mindestens bis zum zwölften Lebensjahr, von Filmvorführungen ferngehalten würden. Im Gegensatz zu anderen Erziehungs- und kindgemäßen Spielformen steigern Filmreize die Nervosität und verleiten zur inneren Passivität. Doch pädagogische Weisheit muß vor der Wirklichkeit weichen. Tatsächlich drängen auch kleine Kinder ins Kino, ja, sie werden von den Eltern selbst nur allzu bereitwillig für ein paar Stunden, allein oder mit älteren Geschwistern, abgeschoben. Außerdem entzieht sich jeglicher Gesetzeskontrolle der häusliche Fernsehempfang. Es gilt also, aus einem unvermeidlichen Übel das Beste für Kinder zu machen.

Was den Kleinsten bis 1957 in Kindervorstellungen geboten wurde, waren hauptsächlich Märchenvorstellungen. Dieser Gattung von Kinderfilmen sind durch das Jugendschutzgesetz drei Viertel ihrer Besucherschaft entzogen worden. Zudem wurde eine psychologische Altersklasse durchschnitten. Sie reichte von drei bis acht Jahren. So sieht sich der Kinderfilm, wie es ihn vordem gab, in Deutschland vor das Nichts gestellt. Sein Neuaufbau in drei Altersklassen (bis zu 17 Jahren) muß pädagogisch gesteuert werden.

Eine Bestandsaufnahme, wie sie durch Material und Praxis des Auslands möglich ist, sowie die Entwicklung von Grundsätzen, vielleicht auch praktische Maßnahmen für den deutschen Kinderfilm – das hatte sich die Internationale Kinderfilmtagung – vorgenommen, die an drei Tagen in die VIII. Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche eingebaut worden war. Sie wurde mit anerkennenswerter Vielseitigkeit von Siegfried Mohrhof, dem Jugendreferenten im Münchner Institut für Bild und Film, geleitet. Drei Dutzend Filme boten das notwendige Anschauungsmaterial. In Arbeitsdiskussionen wurden besonders wichtige Filme analysiert. Zum Schluß wurde in einer dreistündigen Generaldebatte die gesamte Problematik aufgewirbelt. Mohrhofs thematischer Konzentration war es zu danken, daß von UNESCO-Vertreten über die Landesbildstellen bis zum Filmproduzenten Lehrer, Eltern, Referenten und Manager aller Art das vielschichtige Gebiet durchleuchteten. Es bedeutete durchaus keine "Fruchtlosigkeit", daß es in Mannheim noch nicht zur Gründung einer angestrebten "Deutschen Kinderfilmstiftung" gekommen ist. Theoretisch wurde sie vorbereitet. Und als Zusammenwirken aller geistigen und wirtschaftlichen Kräfte scheint sie unerläßlich zu sein. Denn für die Filmwirtschaft allein ist dieses Jugendproblem zu uninteressant.

Wie sehen nun Kinder- und Jugendfilme aus, zu denen man "Ja" sagen könnte? Nach der Mannheimer Klassifikation hat ein polnischer Film Bajazzo und sein Hund "Musterwert für die Gruppe der Sechs- bis Zehnjährigen. Ein Mann und sein Hund wollen in den Lunapark. Das beginnt im schwarzweißen Zeichentrick in Strichmanier und kann damit kaum kindertümlicher sein. Dann führt es in die Welt des Zauberhaften, in der alles möglich ist, reiht Einfall an Einfall, gleitet nahtlos in einen farbigen und anspruchsvolleren Zeichentrick hinüber und erzählt geradlinig, was einem so alles auf dem Wege zum Lunapark passieren kann."

Nach den Feststellungen des Internationalen Kinderfilmzentrums in Brüssel wird von Jugendlichen mehr als der gezeichnete Trickfilm der Film mit Realaufnahmen bevorzugt. Auch er kann ein Filmmärchen werden. So "wartete Dänemark mit einem Film für die Neun- bis Vierzehnjährigen auf, der den schlichten Titel ‚Radfahrer‘ trägt. Ein Fahrrad fährt herrenlos allein über die Landstraße, überschlägt sich auf einem Hügel und sinkt auf den Grund eines kleinen Sees. Dort erzählt es den Fischen seine Geschichte, wie es zu einem Jungen kam, wie es gestohlen wurde und warum es sich selbständig gemacht hat. Das mag von der Idee her zunächst alles gewesen sein. Was daraus gemacht wurde, ist nur zu bewundern: ein geschlossenes Filmwerk, spritzig und charmant, im Bild wie im Text und in der Musik gekonnt, dabei voll überraschender Effekte und so herrlich unpädagogischpädagogisch (Verkehrserziehung par excellence),"

Ein beispielhafter Streifen zugleich märchenhafter und dokumentarischer Realphotdgraphie war auch aus Frankreich zu sehen: "Negerlein und Wüstenfuchs": "Ein kleiner Neger sieht auf dem Pariser Flugplatz Orly der Ankunft und Abfahrt der Flugzeuge zu. Da bemerkt er, wie aus einem Korb ein eigenartiges Tier entwischt. Jean-Maria erkennt: Das ist ein kleiner Wüstenfuchs. Bei der Verfolgung des Flüchtigen gelingt es dem Kind, eine fremde und wunderbare Welt des Flughafens einzufangen. Als der Junge endlich den Fuchs fängt, wird er sich darüber klar, daß das Tier fern seiner warmen, sonnigen Heimat wie er ein Unglücklicher, ein Ausgestoßener ist, und als ein schwarzer Prinz sein Flugzeug nach Afrika besteigt, gibt er ihm den Fuchs mit."