Als dritte Gruppe bietet sich der Puppentrickfilm an. In dieser Manier wird von der ostdeutschen DEFA farbig „die kleine Geschichte des Teddy Brumm erzählt, der – weil ihn der Peter wegen eines Loches im Teddyfell nicht mehr ins Bett haben will – ausreißt und zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat. Er findet sogar eine neue Heimat bei einer Familie waschechter Braunbären. Teddy Brumm eilt aber zu Peter zurück, als er vernimmt, daß dieser sehr traurig über seinen Verlust ist.“

Das Kinderfilmstudio der DEFA kann freilich hier wie in anderen Fällen gesellschaftspolitische Rücksichten auf seine Auftraggeber nicht gänzlich ausschalten. Dennoch gelang es bisher, DEFA-Kinderfilme so akzeptabel herzustellen, daß sie nach westlichen Ländern exportiert werden konnten. Ein Film „Das Feuerzeug ließ erkennen, daß als vierte Gruppe Märchenstoffe sogar mit Schauspielern zu bewältigen sind. Man ist gern bereit, die tendenziöse Zeichnung der „Reichen“ zu übersehen, wenn der Übergang zwischen Realität und Märchen so fugenlos gelingt, wenn vor allem eine kindgemäße Ruhe der Einstellungen und des Schnitts innere Spannung, doch keine Bilder- und Reizhetze wie im Erwachsenenfilm erzeugt.

Eine merkwürdige Erfahrung im Verhältnis zwischen Erwachsenen- und Kinderfilm: Unterhalte same Bildgeschichten, die ihre „Moral“ den Kindern indirekt vermitteln und gut gemachte Filme sind, sie können anstandslos als Filme für die Altersgruppe „Sieben bis Siebzig“ angeboten werden. Doch umzukehren ist das nicht: Gute Filme für Erwachsene sind noch lange keine passenden Kinderfilme, und das nicht nur aus stofflichmoralischen, sondern auch aus psychologischen Gründen. Das Kind lebt in einer eigenen Vorstellungswelt und gewinnt frühestens mit dem zwölften Lebensjahr und dann ganz allmählich jene Fähigkeit des Abstrahierens, die zum Verständnis „richtiger“ Filme nötig ist. Denn im normalen Film werden Zeit und Ort durcheinandergeworfen, um durch selbsttätige Schlußfolgerungen des erfahrenen Zuschauers einen geistigen Effekt zu erzielen.

Für die Produktion von Kinderfilmen gibt es im Auslande noch mancherlei Erfahrungen. Wo man sich nicht, wie in Westdeutschland, um die Amortisationsbasis zu sorgen hat – in den Ostblockländern – ist der Kinderfilm weiterentwickelt als bei uns. Polen, die Tschechoslowakei, Jugoslawien, aber auch die Sowjetunion selbst haben mit solchen Produktionen wiederholt Aufsehen im westlichen Ausland erregt. In Moskau veranschlagt man die Kosten für einen Kinderfilm genauso hoch wie für einen Erwachsenenfilm. Der Kinderfarbfilm „Der alte Khottabytch“ hat 3,5 Millionen Rubel, der berühmte Schwarz-Weiß-Film „Wenn die Kraniche ziehen“ nur 2,5 Millionen Rubel gekostet. Da in der Sowjetunion Jugendliche unter 16 Jahren die Abendvorstellungen der Kinos nicht besuchen dürfen, sind 50 reine Kinderfilmtheater entstanden, die dem russischen Kinderfilm ein Publikum von 20 Millionen Kindern garantieren. Das erste derartige Theater wurde in Moskau schon 1924 gegründet.

Wie seit 1930 in der Sowjetunion, beschäftigt man sich seit 1944 auch in England systematisch mit der Produktion von Kinderfilmen. Dort war es ein internatonal bekannter Produzent, J.Arthur Rank, der die Childrens Entertainement Films ins Leben rief. Im Gegensatz zur Sowjetunion verzichtete Rank auf jede politische und religiöse Beeinflussung. Seiner Herstellungsgruppe waren Filmklubs angeschlossen. Erfahrungen des Rundfunks und der Jugendbüchereien wurden verwertet und sechs Jahre lang systematische Forschungsarbeit betrieben, was der eigenen Phantasiewelt des Kindes entspräche. Eine maßgebende Persönlichkeit des englischen Kinderfilms wurde Mary Field, die seit Anfang 1958 bezeichnenderweise zum Fernsehen übergetreten ist, aber Präsidentin des Internationalen Kinderfilmzentrums blieb, das seinen Sitz in Brüssel hat. Wenn Mary Fields Filme nicht ohne weiteres im Auslande „ankommen“, wie in Mannheim besonders skandinavische Vertreter bekunden, so wohl deshalb, weil diese modernen Märchen zwar nicht mehr an die altüberlieferten Erzählformen gebunden sind, aber einem spezifisch englischen Wertmaßstab des Sich-„in guter Gesellschaft“-Befindens entsprechen.

Internationales Ansehen genießen auch deutsche Forschungen über die Wirkungen des Films auf Jugendliche. Psychologen wie Stückrath, Schottmayer und Keilhacker mußten sich jedoch darauf beschränken, die gefährdenden Einflüsse des Films auf das Kind zu ermitteln. Positiv wurden diese Forschungen von der Produktion im Inlande bisher nicht verwertet. Die westdeutsche Misere liegt in der Dezentralisation begründet. Es geht um kulturpolitische Aufgaben, die nicht von der Filmwirtschaft allein zu lösen sind. In Mannheim erschien am Rednerpult auch der Bundesfamilienminister Wuermeling. Über den Bundesjugendplan besitzt er eine gewisse zentrale Förderungsmöglichkeit, die er durch die Stiftung eines „Deutschen Kinderfilmpreises“ und eines „Deutschen Jugendfilmpreises“ für Spitzenleistungen wahrgenommen hat.

Von dieser Bundesstelle aus konnten in den letzten fünf Jahren jedoch nur drei Millionen Mark der Jugendfilmpflege überhaupt zugeführt werden. Um die Bundes- mit den Ländermitteln zu koordinieren, um nicht nur international konkurrenzfähig, sondern überhaupt erst einmal diskutabel im Inland in Erscheinung zu treten, ist nach UNESCO-Muster ein deutsches „Kinderfilmzentrum“ nötig, das mit den kulturellen Instanzen auch die Filmwirtschaft und das Fernsehen zusammenführt.

Das Verdienst der Mannheimer Kinderfilmtagung besteht in der offenen und umfassenden Diskussion des Notwendigen, dem nun Taten der Zuständigen folgen müßten. War das die letzte „theoretische“ Aktion, die in Mannheim vollbracht wurde? Manchmal kam dem Besucher der VIII. Kultur- und Dokumentarfilmwoche der Verdacht, nachdem das „Festival des Beiprogramms“ das Gegenteil seines städtisch-pädagogischen Beginns, nämlich eine internationale Messe, geworden ist: das Allzuviele und kaum noch beherrschte Nebeneinander, das jetzt dort zu sehen ist, könnte den imposanten Impetus der Mannheimer Anfänge erdrücken. Die sachliche Ruhe, die Sammlung der Gedanken und die kritische Verve hatten anfangs dem Beiprogrammfilm und jetzt noch einmal dem Kinderfilm ein unüberhörbares Forum geschaffen. Weniger „Festival“ und mehr lehrhafter Kongreß – das sollte Mannheim bleiben.