Die Wehrpolitik Frankreichs konzentriert sich auf zwei Ziele: erstens auf die schnelle Beendigung des Krieges in Algerien und zweitens auf die Aufstellung einer atomaren Streitmacht. Ministerpräsident Debré und Verteidigungsminister Guillaumat haben in der letzten Woche unmißverständlich erklärt, daß die französische Regierung diese Ziele mit aller Entschlossenheit und mit allen Konsequenzen verfolgen werde. Unser Korrespondent gibt im folgenden Bericht ein Bild der bisherigen französischen Wehrpolitik und zeigt dabei die Möglichkeiten und Schwierigkeiten ihrer Umstellung auf.

A. M., Paris, Anfang Juni

Daß die Weltpolitik in Bewegung geraten ist, merkt allmählich auch der unpolitischste Franzose. Gewisse Skandale um Armeelieferungen werden ungewöhnlich breitgetreten und dienen offensichtlich als Universalwaffe in ganz anderen Auseinandersetzungen. Daß die Beziehungen zwischen de Gaulles Verteidigungsminister und den Stabschefs der drei Wehrmachtsteile kühl, um nicht zu sagen eisig sind, läßt sich auch kaum mehr verheimlichen.

Frankreichs erster Soldat – das ist nicht etwa General de Gaulle, sondern Marschall Juin – hat nach langer Pause auch wieder eine seiner Reden gehalten, die immer so erfrischend frei von Diplomatie sind. Und Kohorten älterer Generäle und Admiräle setzen aufgeregt ganze Lobbies in Bewegung, weil man ihnen "alles wegnehmen wolle". Die einen beklagen, daß die ganze Flotte – die der Staatschef doch eben erst mit Krach der NATO entzogen hat – bis auf wenige Küsteneinheiten für Algerien verschrottet werden soll. Die andern befürchten, man werde die hochqualifizierte französische Flugzeugindustrie lahmlegen, weil im Zeitalter der Raketen auch das modernste Flugzeug bereits überholt sei. Und schließlich hat sich auch die Linke noch immer nicht darüber beruhigt, daß auf Grund eines Erlasses der gaullistischen Regierung grundsätzlich jeder Franzose vom Jünglings- bis an die Schwelle des Greisenalters für die Landesverteidigung zur Verfügung stehen muß. Kurzum: der Kessel kocht. Was aber braut sich in ihm zusammen?

Die Wehrpolitik aller westeuropäischen Staaten steckt zur Zeit in einer kritischen Phase. Der Fall Frankreich ist dabei jedoch besonders kompliziert: Paris muß sich nämlich nicht nur zwischen zwei, sondern gleich zwischen drei militärischen Konzeptionen entscheiden. Zunächst einmal besitzt Frankreich immer noch das Gerippe einer NATO-Armee, aufgebaut nach den Erfahrungen des zweiten Weltkrieges. Andererseits steht auch hier diesem konventionellen Wehrmacht-Typus das Wunschbild einer "atomaren Schlagkraft" gegenüber. Frankreich besitzt sie noch nicht, aber es hofft sie von den angelsächsischen Teilhabern des Atomklubs zu bekommen. De Gaulle legt großen Wert auf sie, denn sie ist für die von ihm erstrebte "Politik der Größe" unbedingte Voraussetzung.

Bis hierher ist der Fall noch einigermaßen übersichtlich. Man könnte sich vorstellen, daß es einem so reichen Lande wie Frankreich bei Anspannung all seiner Kräfte und mit Hilfe einer geschmeidigen Diplomatie gelingen könnte, sich eine solche Atom-Streitkraft aufzubauen. Aber auch hier blockiert der unverdaute Brocken Algerien alle politische Planung. Der Algerienkrieg hat nämlich Frankreich in den letzten Jahren zu einer militärischen Konzeption genötigt, die weder mit dem konventionellen NATO-Typus noch mit der revolutionären Raketen-Strategie etwas zu tun hat: Das Gros der französischen Wehrmacht mußte bekanntlich in eine Streitmacht für den "subversiven Krieg" umgeschmolzen werden.

Wenn de Gaulle – entgegen allen Dementis – insgeheim Fühler zur algerischen Exilregierung ausstreckt, so tut er das vor allem, um endlich zu seiner Politik zu kommen: erst wenn die französische Armee nicht mehr in einen Guerilla-Krieg mit Emanzipationsbewegungen farbiger Völker verstrickt ist, hat der französische Staatschef sich den Weg ins Freie gebahnt. Dann erst ist die von ihm gewünschte Reform der Armee möglich.