Von Dieter E. Zimmer

Ein Klingelzeichen alle achtzehnhundert Meter. Das ist der "Wecker". Wenn der Führer der elektrischen Lokomotive nicht reagiert, so kommt der Zug dadurch automatisch zum Stehen. In weiten Kurven steigt er, dem Reußtal folgend, die Nordrampe des St. Gotthard hinan, verschwindet im Berg, kommt etwa dreißig Meter weiter oben wieder heraus, und dann bei Göschenen geht es in das "große Loch". Wenn es nach zehn Minuten wieder hell wird, ist nicht nur das Wetter anders. Es geht hinab ins italienisch-sprachige Tessin, nach Italien, zum Mittelmeer. Basel–Chiasso, der Schnellzug schafft die Strecke in knapp fünf Stunden, man döst hinüber in die mediterrane Welt.

Mit verbundenen Augen, um die Gefahren des Weges wenigstens nicht sehen zu müssen, so pflegte manch ängstlicher Reisender früher die Saumstraße über den St. Gotthard zurückzulegen. Bis etwa 1220 war der Weg über den Berg Elvelinus überhaupt nicht gangbar, man benutzte andere Pässe, zum Beispiel den Lukmanier im Osten. Die steilen Wände der schmalen Schöllenen-Schlucht, durch die sich die Reuß unterhalb Andermatt zwängt, boten keine Möglichkeit, einen Saumpfad anzulegen.

Erschlossen wurde die Gotthardroute in dem Augenblick, als ein Urner die Schöllenen mit seiner "stiebenden Brücke" bezwang: ein Holzsteg, an Ketten an die Wand des Kirchbergs gehängt. Die "stiebende Brücke" wurde überflüssig, als man im Jahre 1708 das sechzig Meter lange "Urnerloch" durch den Kirchberg sprengte – den ersten Tunnel der Schweiz. Auch eine Brücke mußte gebaut werden, und so gewagt schien sie der mißtrauischen Bergbevölkerung, daß man sie nicht für Menschenwerk hielt. Der Teufel hatte da bestimmt seine Hand im Spiel... Noch heute heißt sie die Teufelsbrücke.

Im Reußtal ist noch manches Stück der mit Gneis- und Granitplatten belegten alten Gotthardstraße zu sehen; wer aber die wilde Schöllenen, einst das "Tal des Entsetzens", heute auf der neuen Straße durchfährt, der spürt kaum noch ein Gruseln wie frühere Reisende.

Mit der Eröffnung der Gotthardroute wurde die Paßstraße bald zu einem der wichtigsten Handelswege Europas. Sie verband Flandern, das Rheintal und also ganz Mitteleuropa mit den reichen Städten Italiens,

Damals wie heute war das vielgerühmte Luzern Ausgangspunkt der Gotthardreise. Von hier aus brachte die Gotthardflotte Menschen und Waren zum südlichsten Zipfel des Vierwaldstätter Sees, nach Flüelen, hier wurde umgeladen, und bergsichere Pferde trugen die Waren das Reußtal hinauf zum alten Hospiz und hinüber ins Tessintal, Auf dem Touristenschiff macht man heute die Reise von Luzern nach Flüelen in zweieinhalb Stunden. Die Fahrt geht durch das Herzland der Schweiz, dessen beste Touristenwerbung bisher die Schießkünste des sagenhaften Teils waren.