Er ist hochgewachsen, hat braunes Haar, blaue Augen und zählt 28 Jahre: König Baudouin I. von Belgien aus dem Hause Sachsen-Coburg-Gotha. Sein Glück war, daß er im engen Kreise seiner Familie Schutz, Obhut und Liebe genoß: ein bescheidenes Glück für einen König. Sein Unglück war, daß die Welt, die ihm ebensowenig vertraut war wie sein Volk, ihm Mitleid statt Liebe entgegenbrachte. Aber ein Volk, das einen König hat, will ihn lieben, will ihm Zutrauen entgegenbringen oder wenigstens stolz auf ihn sein. "Baudouin, der Schüchterne" – das ist kein königlicher Name.

Nun ist jedoch ein historischer Vorgang in die Annalen einzutragen: Nach Brüssel zurückgekehrt von dreiwöchigem Amerikabesuch, hat der junge König gelächelt. Es war ein von Argusaugen überwachtes und dennoch unverkrampftes, natürliches Lächeln. Und während er im offenen Wagen langsam durch die geschmückten Straßen der Hauptstadt fuhr, drängten sich die Menschen näher und warfen ihm Blumen zu, Nelken, Iris und Rosen. König Baudouin jedoch drückte Hände, umarmte Kinder, zeigte sich entspannt, anmutig, nobel. Und lächelte, lächelte. Vielleicht gehört dreierlei dazu, daß einer es vermag, eine ernste Krise hinwegzulächeln: jung sein, ein Rätsel sein, ein König sein.

Anderen Tages gab es im Stadtpalais einen Empfang für die Journalisten – viele Ausländer unter ihnen, die wegen der Königskrise gekommen waren, und denen jetzt Sekt gereicht wurde. Und der junge König ging nach einer kurzen, auf offiziellen Ton gestimmten Begrüßung von einer Gruppe zur anderen, nahm seine Brille von den kurzsichtigen Augen und spielte mit ihr, während er plauderte, ja, er steckte gelegentlich die Hände in die Rocktaschen. Und die Chronik meldet, daß er auf die Frage: "Wie fanden Sie die amerikanische Küche, Sire?" antwortete: "Sehr gut, bis – zum Moment, wo sie mir süße Pataten statt Kartoffeln gaben." Gelächter. "Und bitte, wie fanden Sie die amerikanischen Mädchen?" – "Dasselbe hat man mich in Amerika von Ost bis West gefragt", erwiderte der König lachend. Und schallendes Gelächter spülte den letzten bitteren Nachgeschmack der Krise so gründlich fort, daß man sich heute fragen könnte: Hat es diese Krise denn überhaupt gegeben?

Ja, es hat sie gegeben. Und wenig fehlte, und sie wäre böse ausgelaufen für das belgische Königshaus, das sich in seinen vier Generationen um das belgische Volk sehr verdient gemacht hat.

Das trifft nicht nur auf Leopold I. zu, den ersten König des neugegründeten Staates, der zwar die holländische Oberhoheit losgeworden war, aber noch viele Spannungsmöglichkeiten zwischen beiden belgischen Volksteilen, den Flamen und den Wallonen, aufwies; das trifft nicht nur auf Leopold II. zu, der listenreich wie Odysseus als ein gekrönter Kaufmann das reiche Kongo-Gebiet an die belgische Krone band; nicht nur auf dessen Neffen Albert I., den bravourösen "Soldatenkönig" des ersten Weltkriegs; es trifft auch auf Leopold III. zu, der – mögen es die belgischen Sozialisten wahrhaben wollen oder nicht – durch seine Kapitulation im zweiten Weltkrieg seinen Landeskindern viel Blut erspart Und der durch seinen Thronverzicht die Einheit der Nation bewahrt hat. Nun gut, der belgische König in fünfter Generation hat offensichtlich bisher nichts geleistet als eben dieses krisenbeseitigende charmante Lächeln. Aber wissen wir, was es ihn gekostet hat?

Seine Biographie ist bisher die seines Vaters: Dieser sitzt am Steuer des Wagens, der auf der Straße bei Küßnacht ins Unglück rast: Königin; Astrid, die bildschöne Schwedin, stirbt; Baudouin ist fünf Jahre alt. Der Vater hat sehr strenge, sehr "deutsche"‘ Vorstellungen, wie die Belgier sagen, von Pflicht und Selbstdisziplin, von Ertüchtigung zu Mut und Würde: Er hält den stillen, träumerischen Jungen, der hinter verschlossenen Türen sich der Tröstung Bachseher Musik hingibt und im übrigen ein hohes Maß von Wissen in sich aufnimmt, bei spartanischer Lebensführung und zwingt ihn, energisch zu sein. Das erste macht dem Kronprinzen nichts aus, das zweite lernt er nur unter Mühen. Der Vater will, daß er Härte habe und Abstand halte. Doch dieser nimmt nur die Lehre an, daß einer hart sein könne gegen sich selbst, doch nie gegen andere.

Und fürs Abstandhalten ist er nicht arrogant genug: so verkehrt sich sein gehorsames Bemühen, Distanz zu halten, in einen schmerzlichen Zustand: den der frühen, allzu frühen Einsamkeit.