Die Hamburg-Amerika Linie (Hamburg-Amebörsen hat weiter angehalten; die bisherigen Höchstkurse wurden bei vielen Werten erneut überschritten. Die überaus heftigen Kurserhöhungen haben jedoch einer etwas ruhigeren Entwicklung Platz gemacht. Im einzelnen sind die Kursveränderungen uneinheitlich, und verschiedene Tage brachten einige Rückgänge, die sich allerdings in engeren Grenzen hielten. Grundsätzlich bleibt die Stimmung an der Börse zuversichtlich und freundlich. Die Kaufneigung des Publikums ist nach wie vor groß. Sobald die Kurse auch nur wenige Punkte zurückgehen, wie z. B. Anfang dieser Woche, treffen noch im Verlauf der Börse zahlreiche Kauforders ein, um die Kursabschläge von drei oder fünf Punkten auszunutzen.

Während in den letzten Wochen die Aufwärtsbewegung fast alle Marktgebiete einheitlich erfaßte, hat sich in den letzten Tagen diese allgemeine Hausse in verschiedene einzelne Bewegungen geteilt. Am stärksten ist der feste Grundton am Montanmarkt zu erkennen. Im Börsenhumor sagt man, der Montan-Zug, der sehr lange auf dem Abstellgleis gestanden habe, sei endlich losgefahren, und wer nicht rechtzeitig die Spitze des Zuges – die ohne Zweifel die Mannesmann-Aktie bildet – erreiche, soll versuchen, hinten bei Klöckner, Hoesch und Königsborn-Werne noch einzusteigen. Wenn auch nach dieser plötzlichen Montan-Hausse durchaus eine Reaktion mit einem entsprechenden Kursrückgang eintreten kann, so findet die Stimmung am Markt der Montan-Aktien immer wieder günstige Nahrung in den Nachrichten über die steigende Produktion und die höheren Aufträge bei den Stahlkonzernen. Darüber hinaus dürfte es auch für den Besitzer amerikanischer Stahl-Aktien nicht uninteressant sein, den Auswirkungen, die ein Stahlstreik in den USA auf den Kurs seiner Werte haben könnte, durch Kauf deutscher und anderer europäischen Stahlwerke entgegenzutreten. Sollte tatsächlich der befürchtete amerikanische Stahlstreik ausbrechen, so werden die europäischen Stahlerzeuger sehr wahrscheinlich hiervon profitieren.

Skeptiker befürchten allerdings, daß die Mannesmann-Hausse nur vorübergehender Natur sei, da die Käufe aus Paris, die einige Millionen DM nominal der Aktien ausmachten, im Zusammenhang mit der erwarteten Einführung an der Pariser Börse standen. Dem ist zu entgegnen, daß die Mannesmann-Aktien bei einem Kurs von 260 v.H. eine Rendite von knapp 4 v. H. bieten, die noch über den meisten Renditen liegt, die sich auf anderen Marktgebieten errechnen.

Höhere Renditen als die Stahlwerke bieten einige, Kohle-Aktien. Auf diesem Marktgebiet überwiegt jedoch die Verkaufsneigung, da noch immer keine wirklich guten Nachrichten über den Kohleabsatz zu hören sind. Wer entgegen dieser allgemeinen Stimmung die heutige ungünstige Marktlage ausnutzen möchte und auf Grund der besseren Stahlkonjunktur auch einen besseren Kohleabsatz erwartet, für den dürften vor allem Gelsenkirchener Bergwerksaktien mit einer Rendite von rd. 5 v. H. und Steinkohlenbergwerke Matthias Stinnes mit einer Rendite von rd. 4,7 v.H. interessant sein. Beide Gesellschaften haben trotz der ungünstigen Marktlage ihre Dividenden aufrechterhalten.

Die zuversichtliche Grundstimmung an der Börse in diesen Tagen kann als Beweis dafür hingenommen werden, daß die Anlagebereitschaft nach wie vor sehr groß ist. Noch vor einem Jahr hätte ohne Zweifel eine Auseinandersetzung über die Besetzung der höchsten Ämter unseres Staates – wie sie in diesen Tagen stattfand – an der Börse zu einer scharfen Reaktion geführt. Wenn sich heute die Börsen "dickfelliger" zeigen, so kann dies als eine Auswirkung des durch nichts zu erschütternden wirtschaftlichen Optimismus gewertet werden.

Die Kraft der Aufwärtsbewegung zeigte sich auch darin, daß die deutschen Börsen der rückläufigen Bewegung in New York, London, Amsterdam und Paris nicht folgten. Die ausländischen Käufer, die vorübergehend zögerten, kehrten daher mit neuen Orders an den deutschen Markt zurück. Etwas unverständlich erscheint es häufig, daß die amerikanischen Anleger zur Zeit die deutschen Werte bevorzugen, da ja auch holländische, englische und italienische Aktien zur Zeit, höhere Renditen als die amerikanischen Standardwerte bieten. Der Grund hierfür dürfte vor allem die überdurchschnittlich expansive Entwicklung der deutschen Spitzenunternehmen in den letzten Jahren gewesen sein. Der amerikanische Wertpapierkäufer legt bekanntlich besonderen Wert – auf eine hohe Wachstumsrate bei seiner Gesellschaft. Immerhin waren es nicht nur deutsche Aktien, die gekauft wurden; amerikanische und deutsche Käufe ließen in Wien auch die Kurse der meisten österreichischen Aktien ungewöhnlich ansteigen. Schwechater-Brauerei stiegen z. B. in wenigen Wochen von 270 auf 350 v.H. bei 9 v.H. Dividende. Wer allerdings nicht bereit ist, die stark gestiegenen Kurse der deutschen Standardwerte zu bezahlen und eine Anlage in einem renditegünstigen Auslandswert vorzieht, für den scheinen FIAT bei einem Kurs von 1850 bis 1860 Lire, das sind 370 bis 372 v. H. bei 16 v. H. Dividende, nicht uninteressant zu sein. Auch in Holland gibt es noch verschiedene Industriewerte mit günstiger Rendite: Heemaf, ein elektro-technisehe? Unternehmen, bietet 4.1 v. H. und Koninklijke Nederlandsche Papierfabriek 5,2 v. H. Bei Auslands-Anlagen muß jedoch immer in Rechnung gestellt werden, daß sich bisher an den deutschen Börsen die Kurse im Durchschnitt am besten entwickeln konnten. Mai