Am sandigen Hang des Vesuvs liegt die "Villa delle Ginestre", die ihren Namen nur indirekt den Ginsterbüschen ringsum, direkt aber ihrem berühmtesten Gast verdankt. Hier oben nämlich, zwischen Pinien und flammendem Ginstergesträuch schrieb Giacomo Leopardi sein großes Gedicht "La Ginestra", deutsch: der Ginster.

Die Stadtväter von Torre del Greco, zu deren Gemeinde die berühmte Villa gehört, haben gerade eine Eingabe beim Parlament gemacht, man möge doch das Haus mit seinen Erinnerungen unter Denkmalschutz stellen. Der Besucherstrom wird darum kaum größer werden, als er eh schon ist. Aber vielleicht wird die Zahl der Autogramme an den Wänden und der Haufen leerer Flaschen und Papiere vorm Säulenportal etwas geringer, wenn der Staat seine schützende Hand über die Villa hält. Bis vor wenigen Jahren kam nur sehen einmal ein Besucher hier herauf. Und wenn, dann war es ein Verehrer Leopardis, der ehrfürchtig in das kleine, halbdunkle Zimmer trat, in dem der schlichte Hausrat, das Tintenfaß und die Streubüchse unberührt so dastehen, als erwarteten sie jeden Augenblick die Rückkehr des Dichters. Aber der ruht seit 122 Jahren in seinem Felsgrab über Neapel, nur ein paar hundert Schritte entfernt von dem geistigen Gründer Roms, Vergil. Mit einem guten Fernglas könnte man von seiner Ruhestätte aus hinter der tintenblauen Bucht das Haus erspähen, das dem kranken Dichter Stille und Schutz gewährte.

Was diese Scharen von Touristen und Ausflüglern in der Ginstervilla wohl erwarten? Ganz klar ist das nicht oder doch nur bei ein paar Ausnahmen. Zu diesen gehörte kürzlich eine Dame, die mit vorsichtigen Schritten um das Haus pirschte und erschreckt zusammenfuhr, wenn eine Biene im Ginsterbusch hinter ihr summte. Als die Hausherrin, Gräfin Maria de Cavardo, aus dem Portal trat, stürzte, sich die Besucherin auf sie und sagte erlöst: "Nicht wahr, sie halten ihn doch im Käfig?! Ich bin nämlich gekommen, um Ihren Leoparden zu sehen."

Nicht ganz so klar lag der Fall bei einem jungen Paar, das Hand in Hand die enge Wandeltreppe emporstieg und zögernd vor der halboffenen Tür des Dichterzimmers stehenblieb. Dann faßte sich der Gatte ein Herz und sagte: "Signora, es ist wohl besser, wenn ich allein hineingehe. Meine Frau ist sehr schreckhaft, und da sie ein Baby erwartet, könnte sie bei dem Anblick einen Schock davontragen." Was mag der besorgte Ehemann wohl hinter der Tür erwartet haben? Gewiß wird er sehr enttäuscht gewesen sein.

In Leopardis Tagebuch, dem "Zibaldone", stehen die Sätze: "Wenn die Menschen allein auf der Grundlage schlichter Vernunft die Erscheinungen betrachten und auslegen, dann werden sie meistens uneins untereinander. Lassen sie hingegen. Gefühl und Vorstellungskraft auf sich wirken, dann einigen sich auch die Menschen der verschiedensten Klassen, auch die Nationen und Jahrhunderte leicht und für dauernd."

Wie schön und wahr. Wenn ich einen Vorschlag machen, dürfte, wäre es dieser: Könnte man nicht in Leopardis Zimmer wenigstens einen ausgestopften Leoparden aufstellen? Und könnte es nicht möglich sein, irgend etwas Entsprechendes für all die anderen ernüchternden Dichterklausen zu erdenken, die ihre vielen heutigen Besucher oft so bitter enttäuschen? Mir ist klar, daß das Problem bei Goethe, Racine oder Shakespeare viel schwerer zu lösen ist. Aber ich meine, das schöne Ziel lohnte jede Mühe. Nämlich: unsere Denker und Dichter endlich den Vorstellungen des Massentourismus anzupassen und damit die Einigkeit der Nationen zu stärken. Monika von Zitzewitz